Alt-Regierungsrat und GRHeute-Kolumnist Christoffel Brändli hat am 21. April im Bündner Tagblatt die als Folge der Coronakrise getroffenen Massnahmen für den Tourismus als ungenügend beurteilt. Wir haben dem ehemaligen Präsidenten von Graubünden Ferien einige vertiefende Fragen zum «Marshallplan Tourismus» gestellt.

 

Wie beurteilen Sie die Perspektiven für unseren Tourismus?

Es wird zu erheblichen Einbrüchen kommen. Die internationalen Gäste werden so schnell nicht zurückkommen. Auch bei den Schweizer Gästen darf man nicht zu viel erwarten, nachdem nach dem vor allem die älteren Leute, ein wichtiger Markt für unseren Tourismus, aufgefordert werden, zu Hause zu leiben.

 

Der Bund stellt erhebliche Mittel zur Verfügung, um die Arbeitsplätze zu retten und Konkurse abzuwenden. Genügt das nicht?

Die bisherigen Massnahmen sind darauf ausgerichtet, bestehende Arbeitsplätze zu sichern und kurzfristig Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Man gewinnt damit etwas Zeit, die entstandenen Probleme lassen sich aber dadurch nicht lösen. 


Kurzfristig bedeuten die Massnahmen aber doch eine wesentliche Entlastung?

Selbstverständlich. Sie belasten aber den Bundeshaushalt und die Arbeitslosenversicherung in erheblichem Masse. Die gewährten Darlehen müssen zurückbezahlt werden und führen dadurch für die KMUs zu einer wesentlichen Neuverschuldung. Wie diese erstattet werden soll, steht heute in den Sternen, solange die Gäste nicht zurückkommen.

 

Wird dies nach Öffnung der Betriebe nicht der Fall sein?.

Das passiert nicht einfach so. Man darf nicht vergessen, dass die Weltwirtschaft vor der grössten Rezession seit dem zweiten Weltkrieg steht. Das Reiseverhalten der potentiellen Gäste wird deshalb grossen Einfluss auf die Touristenzahlen haben. Der Glaube, man könne den Schalter drehen und dann sei alles wie vorher, ist schlichtweg falsch.

 

Was bedeutet das für die Bündner Volkswirtschaft?

Viele Regionen unseres Kantons sind sehr tourismusabhängig. Auch das Baugewerbe profitiert in erheblichen Ausmass neben den öffentlichen Aufträgen vom Auftragsvolumen aus dem Tourismus. Ohne einen starken Tourismus gehen viele Arbeitsplätze verloren und die dezentrale Besiedlung unseres Kantons wird massiv in Frage gestellt. Die Krise führt auch zu Mindereinnahmen für die öffentliche Hand – viele Gemeinden dürften in Schwierigkeiten gelangen.


Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Wir müssen alles unternehmen, um den Tourismus wieder in Schwung zu bekommen. Dabei müssen wir uns vorstellen, dass wir vor einem Neuaufbau stehen. Wir müssen uns also fragen, was es braucht, um unseren Tourismus wieder aufzubauen. Es ist dies eine gewaltige Herausforderung, weil wir berücksichtigen müssen, dass alle Tourismusregionen um Marktanteile vom geschmälerten Tourismusmarkt buhlen werden.


Was sollte getan werden?

Kurzfristig sehe ich ein Potential nur im Schweizer Markt. Wir müssen deshalb all unsere Marketinganstrengungen darauf ausrichten, aus diesem Markt Gäste zu gewinnen. Hier ist Graubünden Ferien gefordert, aber auch die Anbieter müssen attraktive Pakete schnüren, welche die Gäste anspricht.

Gleichzeitig und auch wichtiger sind Investitionen in das Produkt. Nur wer attraktive Angebote macht, hat die Chance zu bestehen. Der Hotellerie kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.


Inwiefern?

Volle Hotels bedeuten mehr Umsätze für das Gewerbe und die Detailhändler, erfolgreiche Bergbahnen, selbsttragende kulturelle Veranstaltungen und vieles andere mehr. Dies alles ist mit Arbeitsplätzen verbunden!

 

Ist die Hotellerie aufgrund der Einbrüche überhaupt handlungsfähig?

Aus eigener Kraft im  Moment kaum. Deshalb muss die Hilfe rasch und substanziell hier ansetzen.


Was heisst das?

Unsere Hotels müssen finanziell in die Lage versetzt werden, Investitionen zu tätigen, die ihre Attraktivität steigert. Dabei müssten die dazu nötigen Investitionen kurzfristig (1-2 Jahre) ausgelöst werden. Notwendig ist die Bereitstellung grosszügiger Kredite. Meine Vorstellung: Je Betrieb 100 000 bis 1 Mio Franken, zinsfrei während 10-15 Jahre. Ein Teil der Kredite müsste amortisiert werden, der Rest nach 15 Jahren in Hypotheken überführt werden. Gleichzeitig müsste man bei subventionierten Massnahmen, beispielsweise einer Heizungssanierung, die a-fonds-perdu-Beiträge erhöhen.

 

Wie sehen die Kosten für dieses Vorhaben aus?

Geht man optimistisch davon aus, dass rund 500 Betriebe das Angebot nutzen, kann damit für 2020 und 2021 ein Investitionsvolumen von 200-300 Mio Franken ausgelöst werden. Berücksichtigt man die Multiplikatoreffekte kann man von bis zu einer halben Milliarde Franken ausgehen. Dies wird sich auch auf das Baugewerbe und das übrige Gewerbe merklich auswirken.

Geht man von einer 2%-igen Zinsverbilligung aus, wird das den Kanton jährlich rund 5 Millionen Franken kosten. Hinzu kommen die allenfalls erhöhten a-fonds-perdu-Beiträge. Das scheint verkraftbar.

 

Müsste nicht der Bund dieses Projekt finanzieren?

Selbstverständlich wäre es Pflicht des Bundes, mehr für den Tourismus zu tun. Der Kanton muss auch alles tun, damit eine Mitfinanzierung des Projektes durch den Bund möglich wird. Vor allem bei der Bereitstellung günstiger Mittel für das Projekt hat der Bund einen erheblichen Spielraum. Dies wenn man bedenkt, dass der Bund bereits 40 Milliarden Franken zur Bewältigung der Krise bereitgestellt hat und beabsichtigt, mit enormen Mitteln die Finanzierung der Lufthansa-Tochter Swiss zu sichern. Der Tourismus ist nämlich für unser Land mindestens so systemrelevant wie die Swiss…

 

Also müsste man die Umsetzung des Projektes dem Bund überlassen? 

Das ist zu einfach. Beim Bund sind ja Vorstösse zur Schaffung eines Fonds zur Bewältigung der Krise eingereicht worden,  es wird aber Jahre dauern, bis diese umgesetzt werden. Man sollte jetzt selbst handeln, aber selbstverständlich mit dem Bund verhandeln, wie er zum Erfolg beitragen kann. Wenn man den Turnaround rasch schaffen will, muss man sofort handeln. Das kann im Moment nur der Kanton tun.

 

(Bild: Pixabay/GRHeute)