Die Fremdspracheninitiative bewegt die Gemüter, auch wenn der Grossteil der Parteien das Anliegen ablehnt. Die entscheidende Frage: Was ist das Beste für unsere Kinder? Und: Was ist das Beste für Graubünden?

Sollen unsere Kinder neben Hochdeutsch in der Primarschule eine oder zwei Fremdsprachen lernen? Um diese Frage geht es bei der Fremdspracheninitiative im Kern. Lanciert wurde sie vom Klosterser Primarlehrer Jöri Luzi und verschiedenen Mitstreitern. Sie wollen mit der Initiative die Überforderung der Kinder verhindern. Die Befürworter monieren, dass für eine vertiefte Diskussion mehr Zeit nötig sei und dass sich der Grosse Rat nicht mit Ruhm bekleckert habe, in dem sie die Initiative zuerst für ungültig erklärt hatte (und später vom Bundesgericht ausgebremst wurde) und schliesslich auch keinen Gegenvorschlag ins Spiel bringen wollte. Die Gegner der Initiative betonen, dass Romanisch- und Italienischbünden durch die Fremdspracheninitiative benachteiligt würden. Mit der Ablehnung des Anliegens stützen sie die nationale Lehrplan-21-Strategie, forcieren mit dem flächendeckenden Zweisprachenunterricht in Graubünden paradoxerweise aber ein schweizweites Novum – wegen der Dreisprachigkeit im Kanton.

«Kenntnisse in Deutsch haben nachgelassen»

Die Lehrerschaft selber ist gespalten: Der Lehrer-Verband empfiehlt, die Initiative abzulehnen, viele Lehrkräfte aus der Praxis sind aber skeptisch. «Dass die meisten Primarschüler mit einer zweiten Fremdsprache hoffnungslos überlastet sind, habe ich in den letzten Jahren an der Tatsache festgestellt, dass ihre Kenntnisse im Deutsch massiv nachgelassen haben», schreibt beispielsweise der Davoser Sekundarlehrer Luzi Gubser in einem Leserbrief. Mit der Initiative werde in erster Linie der Fremdsprachunterricht zeitlich neu gelagert und damit die Qualität verbessert. Hanspeter Buchli, Primarlehrer aus Klosters, blies ins selbe Horn: «Mit nur einer „richtigen“ Fremdsprache auf der Primarstufe hätten wir wieder genügend Zeit und Ressourcen, das Unterrichtsfach Deutsch zu stärken und könnten damit ein solides und starkes Fundament während der Primarschulzeit erarbeiten.» 

Regierung und Grosser Rat klar dagegen

Der Grosse Rat und die Regierung haben sich gegen die Fremdspracheninitiative ausgesprochen. Ein überparteiliches Komitee mit nationalen und regionalen Politikern sowie Vertretern von Sprachenorganisationen kämpft ebenfalls gegen die Initiative. Die Sprachenvielfalt des Kantons sei gefährdet, sagte beisipielsweise Johannes Flury, Chef der Lia Rumantscha, gegenüber dem SRF-Regionaljournal. Im Politforum von GRHeute äusserte sich SP-Graubünden-Präsident Philipp Wilhelm ebenfalls deutlich: «Deutschsprachige Kinder würden in der Primarschule nur noch Englisch, italienisch- und romanischsprachige Kinder nur noch Deutsch lernen. Die einen lernen nur eine Kantonssprache und dürfen kein Englisch lernen, die anderen zwar Englisch, aber keine Kantonssprache. Egal, wie man mit dem Status zufrieden ist: Diese Initiative passt schlicht nicht zu Graubünden, nicht zur Schweiz, nicht zu unseren gemeinsamen Grundsätzen.» Der Lehrerverband Legr räumt zwar ein, dass viele Lehrpersonen das Erlernen von zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe als hohe Belastung für ihre Schülerinnen und Schüler empfinden, befürchtet aber, dass Graubünden bei einem Ja zu einer Sprachinsel werden würde, was mit hohen Kosten verbunden sei, da unter anderem neue Sprachlehrpläne entwickelt werden müsste.

Hamilton-CEO Andreas Wieland ist dafür

Eine der kritischen Fragen der Initiative ist, ob die Kantonssprache Italienisch oder doch lieber Englisch bei einem Ja als einzige Frendsprache in der Primarschule unterricht werden soll. Für Hamilton-CEO Andreas Wieland ist die Antwort klar: «Deutschsprachige Primarschüler sollen zuerst Englisch lernen und mehr Zeit für die Muttersprache haben.» In einem Leserbrief setzt sich Wieland jedenfalls für ein Ja ein. «Die meisten Eltern wissen aus Erfahrung, dass Primarschüler mit zwei Fremdsprachen überfordert sind und es ist offensichtlich, dass Kinder in diesem Alter besser Englisch als Italienisch lernen. Also will die Initiative diese zwei Probleme lösen, nicht mehr und nicht weniger.  Die romanischen- und italienischen Sprachgebiete können selber entscheiden, wann sie mit dem englischen Unterricht beginnen.» Italienisch werde weiterhin in der Oberstufe gelernt, sagt er und ergänzt: «Wir dürfen unsere Primarschüler nicht für den Zusammenhalt im Kanton verantwortlich machen, sondern wir müssen ihnen die bestmögliche Chance fürs Leben bieten.»

Die Abstimmung findet am 23. September statt. Das Regionaljournal von SRF hat eine Übersicht publiziert, was bei einem Ja in der Bündner Primarschule bezüglich Fremdsprachenunterricht passieren würde.

 

(Symbolbild: Pixabay)