Sechs Kandidaten stellen sich für die Stadtratswahlen in Chur. Keine einzige Frau wagt sich, den Sitz der zurück tretenden Doris Caviezel-Hidber zu beerben. Warum ist das so? GRHeute begab sich auf Spurensuche.

Urs Marti, bisher. Tom Leibundgut, bisher. Marco Tscholl, neu. Peter Portmann, neu. Patrik Degiacomi, neu. Hanspeter Hunger, neu. Das sind die sechs Männer, die sich für den dreiköpfigen Churer Stadtrat bewerben. Man kann davon ausgehen, dass Urs Marti wieder gewählt wird; wohingegen der Sitz von Tom Leibundgut schon eher wackeln könnte.

Viel mehr als der Blick in die Glaskugel interessiert die Frage, warum sich keine Frau zur Verfügung gestellt hat; immerhin tritt eine Frau aus dem Gremium zurück. Da wäre es ja naheliegend, wieder mit einer Frau anzutreten. Doch offenbar liess sich keine finden, die ein solches Amt ausüben will.

Dass die FDP ihren Stadtpräsidenten Urs Marti nicht intern konkurrieren will, liegt auf der Hand. Vera Stiffler, die für die Partei bei den Nationalratswahlen kandidierte, sieht den Grund für das Fehlen der Frauen darin, dass es bei einem Exekutivamt wie dem Stadtrat schwierig ist, Job und Familie miteinander zu vereinbaren. «Wenn es solche Ämter als Teilzeitstellen gäbe, würden sich auch vermehrt Frauen zur Verfügung stellen.»

Kann das der einzige Grund sein? Valérie Favre Accola, SVP-Nationalratskandidatin und Sekretärin der Kantonalpartei, sieht noch andere Probleme: «Ich war einmal an einer Standaktion. Da hat mir ein jugendlicher Links-Aktivist zugerufen, er hoffe, dass ich vergewaltigt werde.» Würde man das jemals einem Mann sagen? Oder Briefe schicken mit dem Inhalt, dass man doch besser mit den Kindern spazieren gehe anstatt Politik betreiben.

Nein, kein Mann muss sich über die Kinderbetreuung unterhalten; auch seine Frisur ist nur bei Toupetverdacht wie derzeit bei US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump ein Thema. Für Favre Accola ist der Fall klar: «Weibliche Politikerinnen geraten oft unter sexistischen Beschuss.» Mit derartigen Vorkommnissen wurde Vera Stiffler bisher nicht damit konfrontiert. «Im Gegenteil: ich wurde von meinem Umfeld immer motiviert, mich in der Politik zu engagieren.»

Wer ist denn der grösste Gegenspieler der Frauen? Die anderen Frauen, die den Job, das Ansehen, das Prestige neiden? Vera Stiffler findet andere Worte. «Der grosse Gegenspieler – wenn es denn überhaupt einen Gegenspieler gibt – ist unsere Gesellschaft. Es ist halt einfach immer noch schwierig, Beruf, Politik und Familie unter einen Hut zu bringen», sagt sie. Favre Accola hingegen spürt eher negative Schwingungen. «Die Kritik von Frauen an Frauen ist oft radikaler und unsachlicher.» Frauen würden sich zudem grundsätzlich scheuen, Positionen zu bekleiden, wo sie in aller Öffentlichkeit persönlich angegriffen werden können.

Was müsste man denn ändern, damit sich Frauen wieder vermehrt für ein politisches Amt aufstellen lassen? «Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass wir nicht am System etwas ändern müssen, aber an der gesellschaftlichen Einstellung. So lange Frauen nicht bereit sind, Frauen zu wählen, wird sich nichts ändern. Und es ist einfach so, dass der erste Schritt für einen höhreren Frauenanteil gerade in der Politik bei den Frauen selbst liegt», sagt Favre Accola dazu.

Was auch immer die wahren Gründe hinter der fehlenden Frauenbeteiligung bei den Churer Stadtratswahlen 2016 sind – nach den Wahlen ist vor den Wahlen. In diesem Sinne: Frauen, tretet aus euren Schneckenhäusern! Stadträtin von Chur sein heisst auch, aktiv die Zukunft mitgestalten zu können. Und ihr, Parteien: GRHeute erwartet viel.

 

(Bild: Wikipedia)