Die Klinik Gut in St. Moritz will ausbauen, aber nicht alle haben Freude daran. Den Luxushotels «Palace» und «Kulm» werde durch das geplante «Gesundheitshotel» die Sicht verbaut, argumentieren die Gegner. Der Ton zwischen den beiden Lagern wird wenige Tage vor der Abstimmung am 18. Oktober immer schärfer.

Ausbau oder nicht? Und wenn ja, wo? Das sind die Fragen, die die ausgelastete Klinik Gut in St. Moritz seit 13 Jahren beschäftigen. Der Wunsch-Standort im Dorf, bei der alten Post, weckte aber sofort Widerstand. Die beiden weltberühmten Hotels Kulm und Palace argumentieren, ihren Gästen würde durch den Neubau die Sicht genommen.

Klinik-CEO Adrian Urfer entgegnete kürzlich gegenüber Radio Rumantsch, es gebe in der Schweiz kein «Aussichtsrecht». Der Chefarzt ist überzeugt, dass die Vorteile eines Gesundheitshotels für die Gemeinde überwögen, das Projekt bringe der Region Arbeit, Geld und Image. Die Gegner sehen dies anders. Palace-Direktor Hans Wiedemann hofft auf die Einsicht des Volkes: «Alle verlieren bei einem Ja Geld.»  Es gehe nicht nur um die Klinik oder das Gesundheitshotel, sondern «um die Gesamtplanung. Und um die Höhe des Projekts.»

Wüste Drohungen von beiden Lagern

Die Fronten sind mittlerweile verhärtet, es wird mit schweren Geschützen gedroht. Die Befürworter stellen bei einem Nein den Wegzug aus St. Moritz auf die Waagschale, die Gegner bei einem Ja den Gang bis vors Bundesgericht. Schon im Sommer hatten die Befürworter den Gegnern «Bildbetrug» vorgeworfen, da diese bei einer Visualisierung einen «Beton-Look» suggerieren würden (Bild unten).

In den letzten Tagen übernahmen die taktischen Manöver vollends. Die Befürworter werfen dem «Kulm» und dem «Palace» vor, dass deren «zürcherische PR-Agentur» anonym Andersdenkende beschimpfe. Die Gegner wiederum sprechen davon, dass es die Befürworter auf die «Millionengeschenke» für den liechtensteinischen Investor abgesehen hätten.

Beide Lager werben auch lautstark für einen Kompromiss. Nur verstehen beide etwas völlig anderes darunter. Die Befürworter führen dazu gar eine Facebook-Seite «Ja zum Kompromiss», die Gegner hingegen sagen, ein Kompromiss sei nur bei einem Nein möglich, da die Befürworter sonst eine «carte blanche» hätten.

«Unseriöses, taktisches Geplänkel»

Zuletzt machten die Befürworter dem Palace und dem Kulm gar das gut (oder schlecht?) getimte Angebot, das Gesundheitshotel führen zu können. Diese wiederum stiegen darauf nicht ein und entgegneten in einer Stellungnahme: «Sowohl für das Kulm, wie auch für das Palace stellt sich diese Frage einer Betriebsübernahme heute nicht. Beide Häuser sind nicht im Gesundheitsbereich im Sinne der Vorstellung des Liechtensteinischen Investors tätig. Die Frage nach einer Betriebsübernahme ist unseriös und muss als taktisches Geplänkel taxiert werden. Der Investor sucht wenige Tage vor der Abstimmung nach Lösungen, weil er für das projektierte Gesundheitshotel keinen Betreiber hat.»

Die Sticheleien haben sich zu PR-Salven verwandelt, die der Oberengadiner Bevölkerung um die Ohren fliegen. Die Befürworter schreiben begeistert von «auffallend vielen jungen Leuten, die für das Projekt sind», die Gegner schwingen mit Parolen wie «Ja zu einem gesunden Tourismus – Nein zu Gigantismus» die Heimatskeule. Auch persönliche Angriffe und Beleidigungen sind mittlerweile in den Facebook-Posts zu lesen.

Welches sind die wichtigsten Argumente?

Und was soll man als Aussenstehender denken? Klar ist, dass das geplante Gesundheitshotel den beiden weltbekannten Traditionshäusern die Aussicht zu einem gewissen Mass verbaut. Ob dies zumutbar oder zu viel ist, ob das Projekt zukunftsträchtig ist oder an zwei Leuchttürmen der Feriendestination sägt, darüber entscheiden die Stimmbürger von St. Moritz am 18. Oktober. Zu hoffen bleibt nur, dass am Ende nicht verbale Keulen wie «Gigantismus» oder «zürcherische PR-Agentur» den Ausschlag für ein Nein oder Ja geben.

Visual

(Bild oben: Befürworter relativieren auf der Facebook-Seite die Grösse des Gesundheitshotels / Bild unten: Die Gegner visualisieren auf ihrer Facebook-Seite die Auswirkungen auf die Aussicht im Palace-Hotel).