Im März 2016 beschloss die Regierung, den Lehrplan21GR auf das Schuljahr 2018/19 einzuführen. Die grosse Mehrzahl der Lehrpersonen musste dies zu Kenntnis nehmen. Gleichzeitig fingen die Gemeinden an, ihre Schulhäuser umzubauen, so dass die Kinder kompetenzorientiert, individuell und selbst-organisiert in Lernlandschaften den Schulstoff abarbeiten können. Der Lehrer wird zum Beobachter und führt Lernjournale, die Kinder üben sich in Selbstreflexion.  Und das alles, ohne dass das Volk dazu befragt wurde. Wo schon im Sinn und Geist dieser Reform Schule stattfindet, sind die Ergebnisse ernüchternd. Deshalb wäre es wichtig, die funktionierenden Teile der Volksschule zu bewahren, systembedingte Reformfehler möglichst zu vermeiden und selbstbewusst in einen sachlich geführten Dialog einzusteigen.

«Lehrpläne sind heute in guten Händen, es gibt keinen Anlass, daran etwas zu ändern», betont Sandra Locher Benguerel, Präsidentin des LEGR, Lehrpläne dürften keinesfalls zum Spielball politischer und weltanschaulicher Interessen verkommen. Sie verschweigt dabei bewusst, dass der Bildungsmarkt schon heute hart umkämpft wird. Die Stimmbürgerin und der Stimmbürger werden einmal mehr für unmündig gehalten. Die Volksschule bildet die Seele des Volkes ab. Dies ist linken Kreisen offenbar ein Dorn im Auge. Peter Reiser, Präsident des Schulbehördenverbands, spricht gar davon, dass die Initianten das Rad der Zeit zurückdrehen wollten, von einem altmodischen Unterrichtsverständnis ausgingen und er schwärmt von der Umsetzung des Konzeptes «Medien und Informatik» an den Bündner Schulen.  Wie sieht hier der neuste Stand aus? In Schulen des Silicon Valley, dem Tal der Tech-Milliardäre, werden Computer und Tablets aus dem Unterricht verbannt. «Screen-free schools», bildschirmfreie Schulen, heisst das Schlagwort. Ironischerweise wollen ausgerechnet sie, dass ihre Kinder sich mit Menschen statt mit Geräten abgeben, dass sie in den Pausen auf Spielplätzen herumtollen, statt am Handy zu hängen. Peter Reiser begrüsst es, dass das Handy zum Unterrichtsgegenstand wird, obwohl er als Arzt die alarmierenden Fakten aus zahlreichen Studien kennen müsste. Peter Frehner, Präsident des Schulleiterverbandes, meint zu ergänzenden Jahrgangszielen: «Ein Alleingang des Kantons Graubünden mit eigenen Lernzielen wäre unsinnig und zudem organisatorisch mit massiv höheren Ausgaben verbunden.» Als Basler unterschlägt er den Bündnern, dass gerade dieser Kanton einer solchen Ergänzung zum LP21 mit 85% zugestimmt hat. Es erstaunt nicht weiter, dass die Gegenkampagne Behauptungen und Halbwahrheiten verbreitet, welche mit der Initiative gar nichts zu tun haben. Ein «Nein» zur Initiative bewirkt das Gegenteil der erwünschten Ruhe: 2019 steht eine Schulgesetzesrevision an, der Kindergarten muss dem LP21 angepasst werden, die Lehrer erhalten einen neuen Berufsauftrag, die «Neuen Medien» und neue Lehrmittel werden uns weiter Kopfzerbrechen bereiten, Kinderburnout als neues Phänomen steht im Raum. Die Gemeinden bauen ihre Schulhäuser in Lernlandschaften und Computertempel um.  Diese immense Kostensteigerung im Bildungssektor führt zu Schliessungen kleiner Schuleinheiten und Entlassungen von Lehrpersonen.  Ein «Ja» wird Graubünden  nicht isolieren, sondern dazu beitragen, dass die Schule gemäss kantonaler Verfassung und nach gültigem Schulgesetz die sprachlichen, kulturellen und humanistischen Werte weiter hochhält. Der LP21GR wird durch Jahresziele ergänzt; die Fächer und Lektionen bleiben unangetastet. Die Initianten haben ihr Recht wahrgenommen, ihre Befürchtungen haben sie dargelegt. Sollten diese eintreffen, dann sind «Ross und Reiter» bekannt. Am 25.November hat das Volk das letzte Wort!

Dr. Christoph Jaeger, Lehrer, Untervaz