Der Capricorn erobert langsam die Schienen Graubündens – und neben den Gleisen wähnt man sich auf der Überholspur. Die RhB ist auch 2019 gewachsen. Aber nicht zur Freude aller.

«Die Situation ist schwierig», sagte Markus Cadosch, SEV-Regionalleiter und damit der Nachfolger von Regierungsrat Peter Peyer, vor Monatsfrist anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Gewerkschaft. «Man hat verpasst, genügend Leute auszubilden.» Die Einarbeitszeit sei zu knapp und das Tempo des Direktors Renato Fasciati viel zu schnell. «Die Kunden dürfen nicht darunter leiden«, sagte Markus Cadosch, «davon sind wir in der Schweiz weit entfernt.»

Dass das Tempo neben den Schienen zu schnell ist, das ist sich auch Renato Fasciati bewusst. «Das vom Besteller gewünschte Fahrplanangebot erfordert entsprechendes Rollmaterial, das es rechtzeitig einzuführen gilt», sagte der Direktor. «Es ist aber sicher der Fall, dass ich vorwärts machen und vor allem auch die Nachfrage fördern will, damit wir die riesigen Investitionen auch mit entsprechender Nachfrage rechtfertigen können.» Dass man dabei immer auch darauf achten müssen, was die Organisation auch zu stemmen vermögen, sei ihm und der Geschäftsleitung bewusst. Aber, und das stellt Renato Fasciati auch klar: «Die RhB hat in 100-Prozent-Stellen rund 265 Lokführer und damit so viele wie noch nie.»

110 neue Vollzeitstellen

Dass bei der RhB trotz 4,4 Prozent Zuwachs im Personenverkehr, zwei neuen Bahnhöfen und einem Rekord an Verladezahlen am Vereina nicht alles so rosig ist, wie es scheint, brachte an der Jahresmedienkonferenz der RhB vom Freitag auch Stefan Engler zur Sprache. «Wir wollen in den nächsten zwei bis drei Jahren über 110 neue Vollzeitstellen schaffen. Wir können nicht mit dem gleichen Personalbestand immer mehr Projekte stemmen», sagte der Verwaltungsratspräsident vor den Medien in Landquart. Gemäss einer Mitarbeiterumfrage ist die Zufriedenheit mit 73 von 100 Punkten noch immer gross; «die meisten sind stolz, bei der RhB arbeiten zu dürfen.» Dennoch verlange dieses Ergebnis die Aufmerksamkeit des Managements.

Insgesamt war das laufende Jahr aber wieder ein Rekordjahr – mehr Passsagiere auf fast allen Linien, selbst beim High-End-Produkt Excellence Classe im Glacier Express, mehr Autos durch den Vereina – man weiss gar nicht, wo das alles noch Platz haben soll. Allerdings gibt es auch zwei, drei Verluste zu verzeichnen: Wegen der Totalsperre im Unterengadin gibt es weniger Gütertransporte; gleiches gilt für die Transporte mit Aushubmaterial vom neuen Albula-Tunnel. Und das «grösste Sorgenkind» schliesslich: die Pünktlichkeit. Schuld daran, unter anderem: Der Neubau der Doppelspur von Bever nach Samedan, die aber bald abgeschlossen ist.

Still und sanft: Capricorn

Rettung gibt es auch auf den Schienen: der Capricorn schleicht sich derzeit heran, um dereinst «das Rückgrat unseres Rollmaterials» zu werden, wie Stefan Engler sagte. Renato Fasciati nennt es «unser neuestes Kind». Derzeit sind drei Loki-Führer ausgebildet, die den Capricorn fahren dürfen, und einer von ihnen lenkt den Zug aus dem Hause Stadler für die Journalistinnen und Journalisten von Landquart nach Chur und wieder zurück. Er ist leise, bremst wie auf Watte von knapp 90 Stundenkilometern auf Null – 233 Meter beträgt der Bremsweg – und soll ab nächstem März sukzessive eingeführt werden. Im Juni nächsten Jahres werden zwei von ihnen am Bahnfest in Landquart getauft.

Der Capricorn erlebte Mitte April sein Roll-Out. GRHeute war damals live in Altenrhein dabei.

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