Vor zwanzig Jahren habe ich meine Journalistenkarriere begonnen. Kurz bevor der Vereina eröffnet wurde, trat ich meine erste Stelle bei einem Lokalradio an. Als ich die Schaltungen unseres Reporters vom Vereina hörte, ahnte ich noch nicht, dass mich das Leben zuerst weit weg und dann ganz nah an den Vereina führen würde. Wie gross die Bedeutung dieses Tunnels war, was es gekostet hatte, warum es nur eine Kreuzungsstelle gibt und wie die Ortschaften diesseits und jenseits heissen – ich hatte keine Ahnung und ich gestehe, es interessierte mich auch nicht. In meiner Bubble spielte der Vereina schlicht keine Rolle. Die Destinationen hiessen Lenzerheide, Klosters, Davos oder Arosa, aber nie Scuol, St. Moritz oder Meran.

Nach zehn Jahren im Bündnerland könnte ich mir ob dieser Naivität manchmal an die Stirne klatschen. Mindestens einmal, wenn nicht sogar zweimal oder dreimal im Jahr fahren wir durch den Vereina, und ich mag das Gefühl, wenn wir in Selfranga durch die Schranke fahren und wissen: Jetzt beginnen die Ferien. Durch den Vereina fahren hat für uns immer mit Ferien zu tun – im Engadin, im Südtirol oder auf dem Weg weiter nach Italien.

Was ich gar nicht mag: Wenn ich durch blöde Zufälle oder auch schlicht nicht dran denkend genau zwischen zwei Waggons gerate. Es gab Fahrten – eins, zwei -, an denen ich die Hände pausenlos am Steuer hatte und Blut und Schweiss schwitzte. Aber ich mag es, wenn das Licht am Ende des Tunnels sichtbar wird, spürbar Leben in die Autos kommt, erste Lichter wieder angezündet werden und man rausfährt, in eine andere Welt. Ins Engadin. Oder  umgekehrt nach Klosters. Ich mag es gar nicht, wenn in Selfranga oder Sagliains keine Zeit bleibt für eine kleine Pause, schnell aus dem Auto steigen und die Luft einsaugen. Sie ist anders da oben. Frischer.

Was wir in den letzten zehn Jahren nie geschafft haben: Über den Flüela. Obwohl wir uns das jedes Jahr vornehmen. Irgendwie ist es einfach schneller, komfortabler und besser durch den Vereina. Und nachdem ich die Hälfte der bisherigen Lebenszeit des Tunnels verpasst habe, kann ich mittlerweile sehr gut einschätzen, was dieser Tunnel für das Engadin und Graubünden überhaupt bedeutet. A revair!

Happy Birthday!

(Bild: zVg)