Seit 2014 leitet der international bekannte Schweizer Musiker Reto Bieri als Intendant das «Davos Festival – young artists in concert». Morgen Samstag startet die 31. Ausgabe des renommierten Musik-Festivals. GRHeute hat mit Reto Bieri gesprochen.

Reto Bieri, am Samstag geht’s los mit dem ‚Davos Festival – young artists in concert‘. Sind Sie bereit?

Es ist sehr spannend. Im Grossen und Ganzen ist alles gut geplant. Aber man muss abwarten wie’s rauskommt, wie es ‚die Umgebung einfärbt‘. Es ist interssant zu sehen, wie alle Musiker ankommen, die wissen wollen, wo wann was los ist: Es sind immerhin über 80 Personen aus verschiedenen Nationen.

Dann hat alles geklappt?

Wir müssen noch abwarten, ob auch wirklich alle kommen und alles finden. Zwei Musiker aus Türkei haben kein Visum zur Ausreise erhalten, auch einen russischen Oboeisten, bei dem wir zwei Monate erfolglos um die Bewilligung gekämpft haben, müssen wir jetzt noch ersetzen.

Trotzdem kann man durchaus davon sprechen, dass Davos die nächsten Wochen die Musik-Hochburg schlechthin sein wird, oder?

Das kann man durchaus sagen. Die Konzentration von vielen sehr talentierten Musikern ist schon unglaublich. Das Festival wird nun schon zum 31. Mal durchgeführt. Michael Häfliger, der heutige Intendant in Luzern, hat es damals gegründet. Davos hat früh das Potenzial erkannt, das Festival ist in Fachkreisen sehr anerkannt. Man sieht das auch daran, dass es häufig kopiert wurde. Aber es ist auch heute noch eine Auszeichnung, nach Davos eingeladen zu werden.

Wie schwierig ist es, als «normaler» Mensch – sprich: wenn man kein Experte ist – das Festival zu besuchen?

Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen ‚Normalen‘ und ‚Spezialisten‘. Wir wollen das Davos Festival unbedingt mehr öffnen. Es ist uns ganz wichtig, dass es für alle einen Zugang gibt. Es gibt Gratis-Konzerte, Konzerte im Bahnhof, im Kaffeehaus, an Orten, wo man einfach so hinläuft, mit grossartigen Künstlern. Natürlich gibt es aber auch viele ‚traditionelle‘ Konzerte. Die Programme sind nicht so gestaltet, dass man alles kennt. Das Gesamterlebnis zählt, das Festival ist so konzipiert, dass es Wow-Effekte geben wird. Das ist überhaupt nicht nur für Fachkreise gedacht, wir wollen für alle zugänglich sein. Wir haben natürlich einen Anspruch an die Musik, aber es wird eine sehr grosse stilistische Vielfalt geboten. Wir wollen aber auf jeden Fall die Hemmschwellen abbauen.

Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten?

Am meisten überhaupt auf die ganze Festivalfamilie. Während zwei Wochen das Publikum mit den Künstlern zu verbinden, das ist ein ganz tolles Gefühl. Ich freue mich auf alle Leute, auf die Komponisten, die ihre eigenen Werke anhören, auf unsere eigene Opernproduktion. Und dann natürlich auf die Ur-Aufführung der «Schweizer Familie», die verschollen gewesene Arie von Richard Wagner. Sie ist sehr gut verständlich, nicht nur für Spezialisten. Es wird viel Produktionen geben, die während der Vorstellung entstehen. Ich freue mich vor allem auch auf Dinge, bei denen man nicht weiss, wies rauskommt. Das Exklusive, Einmalige ist das Besondere am Davos Festival. Da wächst jedes Jahr eine neue Familie zusammen.

Wie schätzen Sie das künstlerische Niveau in Davos ein?

Bei den meisten geht es nach dem Davos Festival erst so richtig los. In 10 Jahren werden viele von ihnen in ganz grossen Konzertsälen spielen, dann wären sie für uns nicht mehr zu bezahlen (lacht). Ich versuche, möglichst viele junge Musiker miteinander zu vernetzen. Ganz viele stehen auf dem Sprung zu einer grossartigen Karriere. Das Schöne am Davos Festival ist, dass alle zwei Wochen bleiben und nicht nur einfach für ein Konzert kommen und wieder gehen. Viele bleiben auch lange nach dem Festival mit Davos verbunden.

Zum Schluss: Wann gedenken Sie als Intendant, angesichts des Mammutprogramms, in den nächsten zwei Wochen zu schlafen?

Ich versuche, diszipliniert zu sein. (lacht) Meine Person hat eine Spinner-Funktion. Das heisst, ich spinne Fäden von A nach B, ein Netz, in der Hoffnung, dass viel hängen bleibt. Je nachdem wie viel es braucht, gibt es für mich dann halt mehr oder weniger Schlaf. Aber ich erlebe in dieser Zeit ja auch einen Adrenalinschub, die Vorfreude ist riesig. Für mich ist es ein grosser Luxus, hier zu sein, fast ein bisschen wie Geburtstag. Ich kann sozusagen meine eigene Jukebox programmieren.

Hier gehts zum kompletten Programm des «Davos Festival – young artists in concert»

 

Über Reto Bieri

Geboren in Zug (Schweiz) und aufgewachsen mit Schweizer Volksmusik, studierte Reto Bieri zunächst an der Musikhochschule Basel bei François Benda, später bei Charles Neidich an der New Yorker Juilliard School. Der Kammermusikunterricht beim Komponisten György Kurtag und dem Pianisten Krystian Zimerman sowie die Begegnungen mit dem Schriftsteller Gerhard Meier und dem Musiker Eberhard Feltz beeinflussten seine Arbeit wesentlich.

Reto Bieri war 2001 Preisträger der «Tribune International des Jeunes Interprètes», dem Wettbewerb der europäischen Radiostationen. Seit diesem Erfolg ist er international als Solist und Kammermusiker tätig. Er ist regelmässig Gast bei verschiedenen Festivals und bekannten Institutionen.

(Bild: Davos Festival/Priska Ketterer)