Denkt man an Wahlen, glaubt man im landläufigen Sinn, dass jene gewählt werden, die am meisten Stimmen machen. Wahlen in der Schweiz sind aber ein wenig anders. Nirgendwo wurde dies deutlicher als gestern in Graubünden. Da kann eine Partei einen Sitz im nationalen Parlament gewinnen, auch wenn sie im Vergleich zu den letzten Wahlen an Stimmen einbüsst. Und eine Partei kann einen Sitz verlieren, auch wenn sie entgegen aller Prognosen mehr Stimmen macht als vor vier Jahren. 

Das Zauberwort der Wahlstrategien heisst Listenverbindungen. Niemand hat dieses politische Manöver in Graubünden diesen Herbst derart meisterhaft umgesetzt wie die SP. Zuerst holte sie die Grünen und die Grünliberalen an Bord, hievte sich selbstbewusst zum Headliner der «Klimaallianz» herauf und schnappte am Ende den Verbündeten, die das allseits dominierende Thema eigentlich schon viel länger bewirtschaften, den auf dem Silbertablett liegenden zweiten Sitz vor der Nase weg. Hut ab vor der SP, deren Strategie in Graubünden an allen Fronten aufgegangen ist. 

Verlierer der Wahl ist aber nicht nur die SVP, die trotz einem Stimmenzuwachs um 0,2% auf 29,9% einen Sitz im Nationalrat einbüsst. Mit der Abwahl von Heinz Brand verliert auch Graubünden die Gelegenheit, den Präsidenten des Nationalrats zu stellen. Brand wäre 2021 zum Handkuss gekommen, höchster Schweizer zu werden. Was für ein tragisches Ende der politischen Karriere des Klostersers, der noch vor wenigen Jahren hauchdünn den Sprung in den Bundesrat verpasste und nun ganz aus dem Bundeshaus ausscheidet. 

Verlierer sind aber auch die Grünliberalen, die jahrelang damit gerungen haben, wo sie genau politisch stehen und sich diesen Herbst – mit der Aussicht, ihren 2015 abgewählten Top-Kandidaten Josias Gasser zu einem Comeback im Nationalrat zu verhelfen – für eine Zusammenarbeit mit der Linken entschieden haben. Am Ende gewannen sie zwar überschaubare 0,4 Wählerprozente, standen aber gleichwohl mit leeren Händen da und mutierten damit nur zum Edelhelfer für die SP. 

Auch die Mitte-Parteien, die die Chance gehabt hätten, mit einer Listenverbindung mit der SVP vier bürgerliche Nationalratssitze zu sichern, geben die nicht beste Figur ab. Ob aus Anti-SVP-Reflex oder in der selbstüberschätzend irrigen Annahme, der Mitte einen zusätzlichen Sitz zu bescheren: Die FDP, BDP und CVP entschieden sich für einen Alleingang, der der SP letztlich den zweiten Sitz einbrachte. Der FDP dürfte es egal sein, sie hat ihr Ziel mit dem Wiedergewinn ihrs 2011 verlorenen Sitzes erreicht – ganz im Gegensatz zur BDP, die nach dem Verlust eines weiteren Mandats endgültig auf dem Sterbebett liegt. Das Ergebnis wirft auch die Frage auf, ob der Verlust des bürgerlichen SVP-Sitzes an die SP für die Mitte-Parteien überhaupt ein Problem darstellt. Und weiter gedacht: Ob es die «bürgerlichen Parteien» in der traditionellen Art überhaupt noch gibt. 

Und so lacht am Ende in Graubünden praktisch nur die SP, die trotz 0,5% Wählereinbusse mit einer klugen Listenverbindung und der fatalen Fehleinschätzung der Mitte-Parteien einen zweiten Sitz gewinnt – auf Kosten der SVP, die fast 13% mehr Wählerstimmen als die SP holte.