Die Symbiose aus Polyester und Echtleder, Machokult und metrosexuellem Gehabe, aus Siebzigern und zweiter Moderne, sie hat einen Namen, trägt schwarzen Schneuzer, mittellanges Haar, rosa Hemd, Schlaghose und reichlich Goldschmuck: Günther K.* aus. C. (*Name der Redaktion bekannt).

Das Relikt aus vergangenen Churer Schlagerparadetagen, als die Menschen noch zu Tausenden fröhlich die Gassen der Altstadt bevölkerten und im dunklen Club unter der güldenen Gasse sündig einen Gassenhauer nach dem anderen sangen, steht dieser Tage da, als wäre er der Zeit entrückt. Die leuchtenden Augen hinter der getönten Brille schauen ins Leere. Und dennoch lodert das Feuer des Widerstands in ihm.

Worum geht’s? Die Churer Schlagerparade hat sich in all den Jahren detailreicher Vielarbeit zu einem erfolgreichen Anlass gemausert. Wenn auch seit je her als im Blumenkleid getarnte, gewinnbringende Geldmaschine konzipiert, haben die Frauen und Mannen aus Gründertagen den Anlass immer mit Herzblut und viel Liebe ausgestaltet.

Andere folgten ihnen und trugen die Idee weiter. Sie wussten um Nostalgie, Originalkostüme, die kleinen, aber gewichtigen Details einer längst vergangenen, schräg anmutenden Zeit. Nicht zuletzt deswegen hat es der Anlass, deren PremièrenteilnehmerInnen einst in der Stadt des Neids allerlei Spott ernteten, aus der Kinderstube geschafft – und wurde bald weit über die Kantonsgrenzen hinaus beachtet.

Günther K. war seit Anbeginn Teil dieses schalkhaften Tuns; erst im alten Anzug des Vaters still am Rande schlurfend, zog ihn der Anlass bald in seinen Bann. Mit der kultigsten aller Schlagerbands aus der rhätischen Metropole spielte er die Nächte durch und schüttelte das Tamburin wie kein anderer. Er tanzte und fühlte leidenschaftlich – auch am Tag, als Conny Kramer starb. Er schrieb einer anderen Churer Schlagerfamilie deren vita pulitzerverdächtig auf den Leib. Seine Identität wandelte sich, wurde zu alter ego und fand in einem Mix der grossen Vorbilder seine Vollendung. In «Günni», wie ihn seine Freundinnen nennen, leben der starke Manni, der haarige Werner, Juliane, Paola und ein dutzend kitischige Schlagerfiguren. Allesamt Originale.

Die Zeit vergeht. Die ehemals agilen Schlagerfans tanzen heute, in billige Butinettekostüme verpackt da, wo einst die Aussätzigen der alten Stadt verwahrt wurden. Zusammengepfercht vor der Stadthalle findet der zum Retortenanlass verkommene Schlagersamstag sein vorläufiges Ende. «Das Feuer, die Melodien, die Inbrunst und all die Liebe in den alten Gassen – alles weg!“, raunzt Günther K. und ringt, an der Mentholzigarette ziehend, um Fassung. In der neuen Ausgestaltung der alten Idee sieht er nur noch die Abzocke der Organisatoren. Herzloses Managertun. Fernab der Gründerideen. Schandhaft albern.

Dennoch. Günther K. wird auch heuer durch die Gassen ziehen – innerhalb der Stadtmauern! Er besucht zusammen mit Mitstreitenden alte Freunde: die zwei Liebenden im «Ticino», die alten Kumpanen in der «Bierhalle», den frivolen Bartender im «Confetti». Das Stelldichein in der Box gehört zum Pflichtprogramm, bevor er die steile (Show-) Treppe ins scharfzahnige «Piranha» hinaufsteigt, um die Nacht des Schlagers bis zum Morgengrauen zu feiern.

«Machen Sie mit!», singt der Paradiesvogel uns zu und meint: «Die beste Form, den Unsinn in der Stadthalle zu bestreiken, ist die aktive Kultivierung der Schlagerparade in der Altstadt!» Und da leuchten seine Augen wieder, beginnen, die grossen Gesten wieder zu wirken. Der Widerstand erwacht, derweil im Hintergrund ein DJ im Stile eines Dieter Thomas Heck den nächsten Hit ankündigt.

Da draussen gibt es viele Günthers. Und Massen von Schlagerdamen, die mit hochtupiertem Haar dem Anlass in Churs Gassen erst den unvergleichlichen Charme verleihen. Tun Sie es Ihnen gleich! Feiern Sie den deutschen Schlager, mit Würde und Anstand! Und in der Altstadt. Da, wo Günther Gassi geht.

(GRHeute wird Günni und seine Freundinnen am Samstag an der Schlagerparade begleiten. Seine Abenteuer werden auf dem Facebook-Kanal von GRHeute teilweise live übertragen.)