Wir haben den Sommer an der Backe. Was vor wenigen Stunden noch als Schneeflocke auf einem Berg lag, zieht jetzt als Wassermasse im Rhein an uns vorbei. Je höher die Zimmer im Haus liegen, desto wärmer wird es; unter dem Dach ist es praktisch unerträglich. Das Thermometer hat mancherorts, insbesondere im Bündner Rheintal, die 30er-Marke längst unter sich gelassen. Wer noch nicht in die Ferien abgedampft ist, besucht die Grossverteiler vor allem, um sich in den Gefrierabteilungen kurzzeitig Abkühlung zu verschaffen.

Wer sich in ein Schwimmbad wagt, findet sich da, wo man nie sein wollte: Als Hauptdarsteller*in in einem Wimmelbild. Die Frau, die am Beckenrand sitzt. Die Frau, die dem Kind ein Ball zuwirft. Die Frau, deren Kind von der Rutsche runter kommt. Die Frau, die ihr Kind sucht, weil es viel zu viele hat. Kaum zu unterscheiden von allen anderen, höchstens in Postur, Badeanzug und Haarfarbe. Man kennt das Gif aus China, in dem in einem Wellenbad tausende Menschen in Schwimmringen mit dem Wellengang mitgehen. Ja, so fühlt man sich derzeit im Freibad, nur dass die Wellen metamorphorisch bleiben.

Aber nein, wir motzen nicht über das Wetter; man hat ja wie bereits erwähnt auch seine Abwehrmechanismen gefunden. Es ist auch so dass die einen die Hitze besser und die anderen schlechter vertragen. Viel trinken ist wichtig, Schatten auch. Pausen wären es auch, aber man kann das den Kindern kaum verwehren, wenn sie darauf keine Lust haben. Wasser erfrischt, zuhause im Dachstock ist es wieder heiss.

Der Sommer hat uns an der Backe, un estate, un avventura in piû. Ein Sommer, ein zusätzliches Abenteuer. Was 1990 für die WM in Italien recht war, ist heute noch billig, auch wenn wir damals die Kinder waren. Die Wettervorhersagen werden, man darf es kaum sagen, besser: Die Temperaturen sinken wieder auf unter 30 Grad. Die Nächte sind nicht mehr tropisch; die Dachstöcke werden wieder kühler und die Gewitter tun den bereits vertrockneten Rasenflecken in Vorstadtreihenhäusergärten auch gut.

Und irgendwann werden wir auch wieder verstehen, was Adriano Celentano gemeint hat, als er in «Azzurro» «Cerco l’estate tutto l’anno», ich suche den Sommer das ganze Jahr über, gesungen hat. Heute suchen wir den Sommer aber noch nicht; wir suchen noch einmal ein Schattenplätzli in der Badi, bevor wir nach Hause eilen und Balkon, Vorstadtgarten und die innere Mitte in Stellung vor dem Sommergewitter bringen.

Die Ohrwürmer sind ein Geschenk. Mögen sie viel Freude bereiten!

(Bild: GRHeute)