Das Nein zur Fremdspracheninitiative hat verhältnismässig wenig Wellen geworfen. Sowohl Befürworter wie auch Gegner des Anliegens hielten den Ball nach der Abstimmung flach. Die Fremdspracheninitiative war wohl auch nur ein kleines Lüftchen vor dem Sturm um die Frage, wie Schule in Graubünden gemacht werden soll. 

«Das deutliche Nein der Bündnerinnen und Bündner zur Fremdspracheninitiative ist ein starkes Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt in unserem Kanton. Die Dreisprachigkeit Graubündens geht gestärkt aus diesem Abstimmungssonntag hervor», schreibt die SP Graubünden in einer Medieninformation und folgert «die Bevölkerung will offensichtlich keine Rückschritte in der Schule hinnehmen». Eine Überraschung war der Wahlausgang nicht, waren doch alle Parteien von SP über CVP und GLP bis zur BDP und FDP gegen das Anliegen. Einzig die SVP hatte Bedenken und erteilte ihren Mitgliedern Stimmfreigabe. 

Ganz so eindeutig, wie die Ausgangslage sich vor dem Abstimmungssonntag präsentierte, kam es am Ende nicht heraus: Mehr als jeder dritte Wähler in Graubünden war für eine Beschränkung auf eine Fremdsprache in der Primarschule. Eine Zahl, die angesichts der überwältigenden Haltung der Parteien zu denken gibt. «Es gilt, die in bestimmten Regionen doch recht hohe Anzahl an Ja-Stimmen ernst zu nehmen. Offenbar besteht für einen beachtlichen Teil der Bevölkerung in Deutschbünden ein Problem, das nicht einfach vom Tisch gekehrt werden kann», so Jöri Luzi, Initiant der Fremdspracheninitiative in einer Medieninformation. Der Lehrer und sein Initiativkommitee sehen den Grund für die Ablehnung der Initiative in der «sehr emotional geführten Kampagne der Gegner. Obwohl das Bundesgericht eine Diskriminierung verneint hat, wurde dieses Argument gebetsmühlenartig und wider besseres Wissen wiederholt. Die Frage der Reihenfolge der Sprachenfächer in der Volksschule wurde zur Identitäts- und Solidaritätsfrage herauf stilisiert, so dass fast alle Parteien und Organisationen kein gutes Haar an der Initiative lassen durften.» Durften – ein Wort, das einiges preisgibt. Auch gegenüber GRHeute gaben im Vorfeld der Abstimmung mehrere Politiker zu verstehen, dass viele im Grunde für die Initiative seien, man aber nicht öffentlich Partei beziehen dürfe – im dreisprachigen Kanton Graubünden hätte dies bei einer Ablehnung offenbar «politischen Selbstmord» bedeutet. 

 

Dass die Befürworter in einigen grossen Bündner Regionen obenaus schwangen, könne «nicht einfach ignoriert werden, denn sie untermauern das, was bereits im Abstimmungskampf festgestellt und von den Gegnern auch eingestanden wurde: Das aktuelle Sprachenkonzept weist markante Mängel auf», so Luzi weiter, «zurück zur Tagesordnung kann nach dieser intensiven Auseinandersetzung definitiv keine Option sein. Die Initianten erwarten, dass die Sieger ihrer Verantwortung gerecht werden und die in Aussicht gestellten konstruktiven Vorschläge zur Verbesserung des aktuellen Sprachunterrichts in der Primarschule auch tatsächlich umsetzen. Die Kinder warten sehnlichst darauf.»

Luzi muss sich deswegen keine Sorgen machen. Die Diskussion, wie in Graubünden Schule gemacht werden soll, ist noch lange nicht vorbei. Viel eher war das gestrige Abstimmungsresultat ein Scharmützel vor der eigentlichen Schlacht. Denn am 25. November wird bereits wieder über Schule abgestimmt – über die parteiübergreifende Doppel-Initiative «Mitsprache bei wichtigen Bildungsfragen» und «Mitsprache bei Lehrplänen». Für die SP Graubünden steht der nächste Kampf um das kantonale Schulsystem bereits wieder unmittelbar bevor. «Die beiden Vorlagen wollen nicht bloss den Fremdsprachenunterricht umkrempeln, sondern den gerade eben eingeführten neuen Lehrplan abschaffen», so die Sozialdemokraten. Auf ihrer Webseite kommentieren die Initianten: «Seit vielen Jahren schreitet der von internationaler Ebene aus gesteuerte Umbau unseres Schulwesens voran, vorbei an den demokratischen Institutionen – ein Vorgang, der nie öffentlich diskutiert wurde. Die Bildungshoheit liegt in der Schweiz bei den Kantonen. In Graubünden wurde der Beitritt zum Harmos-Konkordat von der Stimmbevölkerung abgelehnt.»

Bleibt abzuwarten, ob sich im November mehr Befürworter finden, die sich auch entsprechend outen. Oder ob auch die nächste Schlacht ein mehrheitlich einseitiges Scharmützel bleibt.  

 

(Symbolbild: Pixabay)

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