Während die putzigen Murmeltiere die kalte Jahreszeit jeweils tief unter der Schneedecke in ihren Höhlen und Bauen verbringen und sechs bis sieben Monate lang einen ausgedehnten Winterschlaf halten, machen mehrere stählerne Ungetüme in der Depotwerkstätte der RhB in Pontresina einen normalerweise sieben- bis achtmonatigen Sommerschlaf. GRHeute hat ihnen einen Besuch abgestattet.

Wenn man das Gebäude auf der jenseitigen Seite des Bahnhofareals in Pontresina von aussen her betrachtet, würde man nicht im Geringsten ahnen, welche Schätze aus der Vergangenheit und der Gegenwart der in die UNESCO Welterbeliste aufgenommenen Berninastrecke von St. Moritz nach Tirano darin schlummern. Von uralten und jüngeren Triebwagen über altehrwürdige und moderne Lokomitiven zu dampfgetriebenen und dieselbetriebenen Schneeschleudern sowie mehreren, zum Teil selbst gebauten Pflügen ist alles vorhanden, was das Herz des naturverbundenen Eisenbahn Enthusiasten begehrt.

 

Alte Triebwagen und restaurierte Lokomotive

Die Triebwagen ABe 4/4 I im historisch gelben Anstrich und die wieder aufgearbeitete Lokomotive Ge 4/4 182 können mangels Druckluftversorgung nicht mehr mit den modernen Eisenbahnwagen eingesetzt werden. Nach der im Herbst 2010 auf der Berninastrecke erfolgten Inbetriebnahme der von Stadler Rail gelieferten dreiteiligen Allegra-Triebzüge ABe 8/12 ganz verschwunden sind nach Verschrottung und Verkauf die roten Altbau-Triebwagen der ersten Serie, das heisst die ABe 4/4 I. Von den ABe 4/4 II, den Fahrzeugen der zweiten Serie, wurden fünf zum Abbruch überführt und zwei als Diensttriebwagen weiter verwendet. Die 1988 und 1990 von der RhB beschafften sechs Gleichstrom-Elektrotriebwagen ABe 4/4 III werden als Schlepptriebwagen eingesetzt und können zur Leistungssteigerung dank Vielfachsteuerung in Doppeltraktion, das heisst in Kombination mit einem anderen Triebwagen oder einer Lokomotive fahren, wovon täglich reger Gebrauch gemacht wird.

Die 1928 von der in Winterthur ansässigen Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik für die damals eigenständige Berninabahn gebaute Schweizer Gleichstromlokomotive BB Ge 4/4 82 bzw. RhB Ge 4/4 182 wechselte nach der 1942 durch die Rhätische Bahn erfolgten Übernahme der Strecke in deren Besitz. Die bei zwei Unfällen zwar schwer beschädigte, jeweils aber wieder aufgebaute, 1977 ausrangierte und zwischendurch in Frankreich stationierte Maschine, die heute auf der Berninastrecke noch für Sonderfahrten eingesetzt wird, wird auch als Bernina-Krokodil (Titelbild) bezeichnet.

 

Selbstfahrende Dampfschneeschleuder

Die 1908 bis 1910 eröffnete Berninabahn war anfänglich nur für den Sommerbetrieb vorgesehen. Bereits wenige Jahre danach entschloss sich die Betreiberin aber zu einem ganzjährigen Verkehr, was den Ausbau und die Beschaffung von Schneeschleudern erforderte. Ab dem Winter 1914/15 wurde die Bahn durchgehend in Betrieb gehalten.

1910 und 1912 wurden zwei dampfbetriebene Schneeschleudern in Betrieb genommen, wobei es sich dabei um selbstfahrende Fahrzeuge handelte. Trotzdem wurden sie aber normalerweise mit Schiebetriebfahrzeugen eingesetzt, damit die gesamte Kesselleistung für die Dampfmaschine des Schleuderrades zur Verfügung stand. Die beiden Fahrzeuge wurden bis 1967 eingesetzt und dann durch moderne Schleudern ersetzt. Die Xrot d 9213 wird im Heimatdepot in Pontresina weiterhin betriebsfähig gehalten und gelangt noch zweimal jährlich für touristische Zwecke zum Einsatz.

Mit Dieselmotor betriebene moderne Schneeschleuder

Bei starken Schneefällen, die früher im Prättigau, auf der Arosa- und auf der Albulalinie meistens gleichzeitig auftraten, waren oft nicht genügend Maschinen zur Schneeräumung vorhanden. Die RhB besass zwar seit 1958 die Xrot m 9216, eine mit Dieselmotor angetriebene Schneeschleuder, die aber alleine nicht alle Gebiete innert nützlicher Frist räumen konnte. Deshalb schaffte die RhB 1981 die Xrot mt 9217, die mit einer Räumleistung von 11700 t/h neue Massstäbe setzte, an. Die

ebenfalls von Dieselmotoren angetriebene Schneeschleuder war zur besseren Übersicht mit einer Kamera und im Führerstand mit einem dazugehörigen Monitor ausgerüstet. Zum Schieben waren Rangierlokomotiven vorgesehen.

Auf der Berninastrecke sorgt in der kalten Jahreszeit nebst starkem Schneefall oft auch kräftiger Wind dafür, dass der Bahnbetrieb aufgrund von Verwehungen oder Lawinengefahr beeinträchtigt wird oder sogar unterbrochen ist. Im letzten schneereichen Winter standen die Schneeschleudern von November bis Ende März im Einsatz.

Mit Xrot mt wird bei der Rhätischen Bahn eine mit Dieselmotor betriebene Schneeschleuder mit Führerstand bezeichnet. Auf der Berninalinie stehen seit 2011 mit 95403 und 95404 zwei grosse Maschinen mit einer Räumleistung von 8500 t/h im Einsatz, deren Schleuderaggregate seitlich auf eine Räumbreite von 6 m ausgefahren werden können. Diese Maschinen können gedreht werden, wobei im Gegensatz zu den älteren Schneeschleudern nicht mit einem Schleuderrad, sondern mit Fräswalzen gearbeitet wird. Die Schneeräumung wird jeweils in zwei Durchgängen erledigt. Zuerst sind die Fräswalzen eng beieinander und es wird ein schmaler Schlitz weggefräst. Anschliessend werden sie seitlich ausgefahren, um die Ränder abzutragen.

Alle in der Depotwerkstätte abgestellten Triebwagen, Lokomotiven, Schneeschleudern und Pflüge machen derzeit zwar einen durchaus einen friedlichen Eindruck. Aber wehe, wenn die gefrässigen Ungeheuer losgelassen werden! Und der nächste Winter kommt bestimmt!

(Bilder: Jürg Kurath)