Kürzlich durchforstete ich mein Archiv und fand darin unverwendete Perlen. Nun werde ich in unregelmässigen Abständen hier auf GR Heute, Geschichten, Gedichte und anderes Chrüsimüsi publizieren. Mit 18 schrieb ich ein Buch, druckte es als ich 20 wurde 50 Mal und wenig später verschwand es dann wieder von der Bildfläche. Nun möchte ich es euch hier nicht vorenthalten. Diese Perle hier stammt aus dem Jahre 2006. Viel Spass damit!

 

Es war allerhöchste Zeit nach Hause zu gehen.
Die Spiele waren gespielt und nicht das Fernweh sondern das Heimweh loderte nun in ihm. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr.
Er musste sich nun von Tama verabschieden. Es fiel ihm auf, dass man eigentlich immer nur Nonsense sprach, wenn es doch verdammt wichtig war, treffende Worte zu finden. Knappe zwei Minuten blieben noch, doch auch diese flitzten wie Sekunden vorbei.
Naeco drückte seinen Bruder Tama an seine Brust.
„Goodbye my friend!“
„Sag doch besser „Auf Wiedersehen!“, dann ist der Abschied halb so schlimm.“
„Ach, du hast ja Recht…“
„Auf jeden Fall… Auf jeden Fall weiss man nie, was die Zukunft bringt. Auf Wiedersehen, mein Freund! Alles Gute!“ „Bis bald und danke für alles.“
Schleichend und behutsam setzte er einen Fuss vor den anderen. Abschied nehmen war etwas was er nicht konnte. Doch dann sah er auf die stille See und eine Stimme ganz tief in ihm wusste, dass er das Richtige tat. Irgendwo, eine halbe Ewigkeit weit weg von hier, musste seine leibliche Heimat sein. Mehrere Wochen lang war er unterwegs.
Jetzt interessierte es ihn auf einmal wie es all seinen Bekannten wohl so ging, obwohl es ihm eigentlich sehr lange sehr egal war. Naeco wurde neu geboren, jeden Tag.
Jeden Tag, wenn die Sonne durch sein Bootsfenster blickte, erstand er von neuem auf. Er fühlte sich wie ein Gott und für sich selbst war er es auch. Irgendetwas schwirrte durch seinen Kopf, seinen Geist, seinen Bauch, seine Seele, durch alle Glieder und jede Ader. Er wusste nicht was es war.
Er kannte dieses Gefühl bisher nicht. Es war vollkommen neu, unbeschreiblich und schlicht wundervoll. Irgendwie hatte er das Gefühl, er hätte immer schon danach gesucht, unbewusst und doch mit voller Hingabe. Naeco konnte und wollte es auch nicht in Worte fassen. Er wusste nicht wie er dazu kam.

War es die Liebe zu Angelina, verbunden mit Sehnsucht, Frust, aber auch Flowerpowergefühlen im Bauch?
Oder die Befriedigung ein eigenes Buch geschrieben zu haben?
War es die Blutsbrüderschaft mit Tama?
Der Wunsch so schnell als möglich nach Hause zu kommen?
Das glitzernde Meer?
Die Momente in Spanien?
Die Lieder, der stillen Stunden mit Angie?
Oder was auch immer?
Doch war es wirklich so wichtig, die Ursache zu wissen, warum oder durch was es überhaupt zu diesem Gefühl gekommen war?
Naeco fand es nicht wichtig. Er kostete den Moment und empfand jede Sekunde als Geschenk des Himmels. Wahrscheinlich hatten alle diese Faktoren ihren Einfluss darauf genommen. Naeco hatte richtig gelebt.
Er stand im Nichts, befreite sich aus den Ketten, wurde von Angelina mit Küssen und Lorbeeren überschüttet, von ihr verlassen, liebte und hasste sie, schrieb seine Erfahrungen auf, stand am Anfang und am Abgrund. Er hatte die Sonnen- und die Schattenseite des Lebens kennengelernt. Es war nicht nur ein Wachsen gewesen, viel mehr war er vorher stumpf, blind und taub gewesen und jetzt hatte er sich selbst geheilt. Viele Menschen nannten das Gefühl den Sinn des Lebens. Naeco betitelte es lieber mit „die goldene Regel“ oder die absolute Erkenntnis.
Man musste ganz unten sein, um oben zu bestehen.
Man muss jedoch auch beide Seiten gesehen haben, um den Sinn der Gegenseite zu verstehen und akzeptieren zu können. Diese absolute Erkenntnis war verbunden mit wahnsinnig schönen Zufriedenheitsgefühl und Lust auf noch mehr und ewiges Leben.
Er hatte mit 26 Jahren zum ersten Mal Blut geleckt, was ihn süchtig nach dem Leben machte. Jeder Moment, jede Bewegung, jeder Gedanke und jeder Atemzug war jetzt bedacht.
Sein Erdendasein machte mehr Sinn als je zuvor. Es wehte ein schwüler Wind auf hoher See, doch sogar dieser berührte Naeco tief in seinem Herzen und erfüllte es mit Freude.
Er war nun ein richtiger Poet, spürte eine unglaubliche Weisheit, die er am liebsten mit möglichst vielen Menschen teilen wollte. Das musste seine Lebensphilosophie sein. Naeco war sich sicher, dass es einen Nachfolger seines ersten Buches gab, denn es drängte in ihm den Schreiber in die Hand zu nehmen und alles aus ihm auf das Papier laufen zu lassen.

Er war ein neuer Mensch, als er nach langer Zeit auf See seine Füsse wieder auf festen Boden setzte.
Er war wieder in Portugal, nahm einen Flug und flog zurück in die Schweiz.
Es war ein ziemlich komisches Gefühl wieder in der Schweiz zu sein, nach einer solch langen Abstinenz.
Old dirty Switzerland hatte ihm irgendwie sehr gefehlt. Er lächelte über die biedere Mentalität der Schweizer, nahm sich ein Taxi und fuhr zu seiner Mutter.
Mit zitterigen Knien vor ihrer Tür stehend, läutete er in der Hoffnung, dass sich nicht zu viel geändert hatte und sie immer noch hier wohnen möge.
Und da öffnete sich die Tür und eine Frau trat heraus.
Naeco kannte sie nicht und dachte er wäre am falschen Ort. „Wer ist dort?“, hörte er aus dem Hintergrund eine ihm vertraute Stimme.
„Ich bin’s Naeco.“
„Naeco, mein Sohn! Wie schön, dass du wieder zurück bist.“
Seine Mutter stürzte aus dem Haus und fiel ihm mit Freudentränen in den Augen um den Hals.
Es fühlte sich wahnsinnig schön an seine Mutter wieder einmal zu drücken.
„Darf ich dir vorstellen? Melanie, die Freundin deines Bruders.“
„Hey hallo, freut mich. Habe schon sehr viel von dir gehört.“ „Ja, die Freude ist meinerseits. Ich muss euch so viel erzählen. Ich habe die halbe Welt gesehen.“
„Ich weiss, ich weiss. Auch wir müssen dir einiges erzählen.“, sagte seine Mutter mit einem Schmunzeln auf den Lippen.