Bei der Gemeindeversammlung in Bergün letzte Woche stand unter anderem die Weiterverfolgung des Projektes «AXPO Kraftwerk Val Tuors» zur Abstimmung. Die Frage spaltete die Gemüter.

Die Albula-Landwasser Kraftwerke AG (LAK) nutzt die Wasserkraft im Albulatal bereits jetzt an verschiedenen Entnahmestellen, doch im Val Tuors sah man noch ungenutztes Potenzial zur nachhaltigen Erzeugung von erneuerbarer Energie. Die AXPO Power AG liess 2015 hierzu eine Studie erstellen und eine permanente Wassermessung in Tuors Davant installieren, um die Daten zu belegen. Die Bürger waren nun aufgerufen, ihre Stimme hinsichtlich einer Weiterverfolgung des Projektes abzugeben. Der Gemeindevorstand Bergün befürwortete die Projektentwicklung, da man sich aus einem neuen Kraftwerk verschiedene Nutzen versprach, insbesondere jährliche Wasserzins- und Steuereinnahmen für die Gemeindekasse.

Gegner allerdings sahen in dem Kraftwerkbau einen weiteren unnötigen Eingriff in die Natur und argumentierten, dass die noch weitgehend unberührte Schönheit des Val Tuors zu schützen sei. Bergün habe schon jetzt immer wieder mit Wassermangel zu kämpfen, man solle lieber die bereits bestehenden Kraftwerke weiter ausschöpfen anstatt neue zu bauen, zumal bei einer industriellen Nutzung des Val Tuors auch die – soeben erst sanierte –  Zufahrtsstrasse weiter in Mitleidenschaft gezogen würde. Ausserdem befürchteten die Gegner, dass der Kraftwerkbau die Gemeinde letztendlich mehr Geld kosten als einbringen würde und stimmten so gegen eine weitere Machbarkeitsstudie.

So wurde dann die Weiterverfolgung des Projektes mit knapper Mehrheit – 32 zu 30 Stimmen – von den stimmberechtigten Bürgern Bergüns abgelehnt. Befürworter des Projekts sind verstimmt, dass sich die Stimmberechtigten nicht auf die Projektentwicklung einlassen wollten, vor allem da sich die Gemeinde Bergün nur mit 1% (ca. 8’500 CHF) an den Kosten der Projektentwicklung hätte beteiligen müssen. Eine Weiterverfolgung der Potenzialstudie hätte sich also in jedem Fall gelohnt und die Bürger auch noch mit mehr Fakten versorgt, auf deren Grundlage diese dann zu einem späteren Zeitpunkt besser informiert hätten abstimmen können, so der Gemeindevorstand.

Solch ein knapper Grundsatzentscheid kann ein Dorf spalten, vor allem wenn die Abstimmung so knapp ist wie letzte Woche in Bergün. Expandieren, neu bauen, neue Projekte vorantreiben – oder wie in Bergün auf neue Dinge verzichten, um die Natur zu schützen, mit Vorhandenem schaffen, dafür eventuell aber auch Einbussen respektive sogar bleibende Schulden in Kauf nehmen? Die schöne Natur ist sicher eines der Hauptargumente, mit denen unser Kanton überzeugen kann, und sie gilt es für die nachfolgenden Generationen zu erhalten, ganz zu schweigen von den Touristen, die eben genau wegen idyllischer Flecken wie dem Val Tuors zu uns in die Ferien kommen. Der Fortschritt fordert allerdings manchmal Kompromisse – ein Konflikt, dem wir beinahe täglich gegenüberstehen.

 

(Bild: Adrian Michael/Wikipedia)