Bündner Perlen: «Lou Geniuz – The Premier» (1999)

Hin und wieder gibt es Platten aus Graubünden, die nie eine grosse Medienaufmerksamkeit erhalten haben oder vielleicht schon in Vergessenheit geraten sind. Dieses neue Gefäss, exklusiv auf GRHeute, wühlt durch alte LP-Kisten, entstaubt CD-Sammlungen und widmet grossen Werken eine kurze, aber ausführliche Plattenkritik mit einem gehörigen Schuss Nostalgie. Einerseits zur Erinnerung, anderseits zur Aufstockung jeder Tonträgersammlung, aber vor allem um aufzuzeigen, welch vielfältige Bündner Musikszene wir doch haben. Diese Alben dürfen in keiner kompletten Bündner Musiksammlung fehlen. Willkommen zu den Bündner Perlen.

2008 hatte ich meinen ersten Sampler mit dem Titel «Bock uf Rock» veröffentlicht. Da ich neu in dem Musikbusiness war, entschied ich mich, die CD in dem einzig mir bekannten Studio mischen zu lassen. Damals war ein gewisser Dani am Mischpult des Bluewonders mit der CD beschäftigt. Nachträglich erschien es mir als grosser Fehler, denn erstens zahlte ich ein Heidengeld dafür und zweitens klang es nicht wirklich meinen Vorstellungen entsprechend. Ähnlich war es übrigens auch bei meiner ersten Plattenfirma Tyrolis, die mir einen regelrechten Knebelvertrag unterjubelten, doch das ist jetzt ein anderes Thema.

Alle sprachen immer von diesem Lou Geniuz und seinen G-Cookin‘ Studios. Ich in meiner Naivität glaubte, dass ich dort so oder so nie etwas aufnehmen werden könne. Es war für mich absolut plausibel, wenn alle grossen wie Gimma, Breitbild oder Bündnerflaisch bei ihm aufgenommen haben, werde ich nie genug Geld zusammen kriegen um eine Produktion bei ihm zu machen. Doch ich war ja nicht nur jung und dumm, sondern auch noch äusserst frech und so kam es zu einem Treffen das mein Leben nachhaltig veränderte.

Es war in der Confetti Bar in Chur, als ich Lou Geniuz, der mir bisher nur als Phantom bekannt war, begegnete. Ich sprach in direkt an. Mein Ziel seie einen möglichst gut produzierten Song bei ihm aufzunehmen. Er hatte an diesem Tag ein Shirt an, auf dem der Ablauf eines Songs stand und deutete darauf. Denn wenn ich verstanden hätte, wie ein Song (mit Strofe, Refrain, Strofe, Bridge, Refrain) funktionieren würde, wäre die halbe Miete schon fix. Ich musste doch sehr lachen. Der Typ von dem alle immer so ehrfürchtig sprachen und vor dem ich ein wenig Schiss hatte, war ein ganz normaler Dude wie ich. Null abgehoben und sofort voll auf meiner Wellenlänge. Nach diesem Treffen, ist keine Note von mir mehr erschienen, bei der er nicht seine Zauberhände im Spiel hatte. Für diese umgängliche Professionalität und seine unglaubliche Leidenschaft für die perfekte Melodie bin ich und wahrscheinlich sehr viele andere in der ganzen Schweiz heute sehr dankbar. Denn so einen Produzenten wie Lou Geniuz wird es in den nächsten 20 Jahren wohl kaum einen geben.

Doch genug über seine populäre Produzententätigkeit, was viele nicht wissen, ist dass Lou kurz vor dem Millenium selbst noch Musik veröffentlicht hat. Wäre ihm die Arbeit mit unzähligen Bündner Stars nicht in die Quere gekommen, würde ihn heute jedes Kind als DEN R’n’B-Star aus der Schweiz kennen. Luigi Zarra, so sein bürgerlicher Name, ist nämlich so einer, der eigentlich praktisch kein Instrument nicht spielen kann. So entstand «The Premier», welche 17 Jahre nach der Veröffentlichung immer noch wahnsinnig frisch klingt und zeigt, dass er neben seinen unglaublich schönen Refrains, auch ein mega cooler Rapper ist, der sich selbst nicht zu Ernst nimmt.

«Next 2 U» und «It’s a new day» sind Megahits und wurden aber seinerzeits nur als Radiohits gefeiert. Völlig zu Unrecht. Denn würde diese zwei Songs jetzt herauskommen, würden sie, denke ich, gröbere Wellen machen. Seine repetativen Hooks brennen sich mitten ins Herz und es kommt einem vor, als würde die Party nie zu Ende gehen. Das ist sein grosses Erfolgsgeheimnis, bei jedem Song, den ich auf dem Artwork lese, singe ich automatisch die Hook unterbewusst mit. Das passiert mir bei kaum jemandem sonst so häufig, wie bei ihm.

Die CD wartet neben sommerlichen Songs mit Karibikfeeling auch mit nachdenklichem Liedgut auf und zeigt dass das Leben des jungen Luigis nicht immer Eitel-Sonnenschein sein muss. «Angela» finde ich immer noch sehr berührend. In diesem Lied beschreibt er seine Beziehung zu seiner viel zu früh verstorbenen Mutter.

Irgendwie ist dieses Album auch die Geburtsstunde von Cigi, der damals noch unter dem Namen «G BLU» firmierte.

«The Premier» ist ein Lehrstück in frisch klingender Musik, denn das Album klingt heute noch, als wäre es erst vor wenigen Jahren erschienen. Lou Geniuz hat mit diesem Album zwei Sachen geschafft:
-Sich zur Nr.1- Produzentenadresse zu machen.
-Ein Album schaffen, dass ohne Füller auskommt.

Lou hat ein paar Jahre später, ein weiteres Album mit dem Titel «Illoumination» veröffentlicht. Dieses ist zwar auch sehr gut geraten, jedoch fehlt diesem Album irgendwie der Charme, der Witz und die Finessen des Debüts. Somit bleibt «The Premier» irgendwie einzigartig, genau wie der Weg das gute Stück Musik heute noch irgendwo zu finden. Ich, persönlich habe in einem Brockenhaus noch eine Ausgabe des Albums ergattert, was mich bis heute regelmässig freut, wenn ich wieder in die CD reinhöre.