Bundesrätin Simonetta Sommaruga will 127 zusätzliche Millionen Franken pro Jahr in die Schweizer Medien investieren. Sie seien das «Fundament der Demokratie», argumentiert sie. Neben abonnierten Zeitungen sollen auch Online-Medien davon profitieren, allerdings – und jetzt kommt der Haken – nur jene, die kostenpflichtige Angebote zur Verfügung stellen. Sprich: vor allem jene, die mit einer Paywall ihre Print-Artikel online stellen. Sommaruga will damit der «Gratismentalität» im Internet einen Riegel schieben. 

Gratis-Journalismus – das ist den etablierten Verlagen ein Dorn im Auge, seit «20 Minuten» den Schweizer Printmarkt erobert hat. Und jetzt auch noch Gratis-Medien im Internet! Das geht gar nicht! Kein Wunder, sind die klassischen Verlage zum Gegenangriff übergegangen. Und wie so oft, wenn ein Geschäftsmodell versiegt, soll der Staat mit Steuergeldern für die verlorenen Pfründe in die Bresche steigen. 

Neue Geschäftsmodelle sind gefragt

Bruno Hug vom Verband Schweizer Online-Medien rechnet vor, dass die grossen Medienhäuser auch heute noch Millionengewinne schreiben: «Tamedia verdient jährlich rund 250 Millionen Franken, Ringier 100 Millionen, der NZZ-Verlag gegen 50 Millionen, die AZ-Medien rund 20 Millionen und der Bündner Somedia-Verlag gegen 10 Millionen.» Zusätzlich sollen die Zeitungsverleger weitere Staats-Zuwendungen erhalten: Die Posttaxen-Subventionen für den Zeitungstransport sollen von heute 30 auf 50 Millionen Franken erhöht werden, damit die abonnierten Zeitungen etwas günstiger verkauft werden können. Als ob man damit die Erosion der Print-Titel stoppen könnte. Man braucht kein Digital-Crack zu sehen, um zu erkennen, dass der Bundesrat mit seiner Printmedien-Förderung versucht, tote Gäule zum Leben zu erwecken. Genau so gut könnte man Schreibmaschinen- oder Landkartenhersteller subventionieren. Auch diese waren einst wichtig, wurden aber vom Lauf der Zeit dahingefegt. Die meisten grossen Verlage haben sowohl die Gratismedien wie auch die Online-Welt verschlafen: Seither sind sie aber kreativ geworden und haben ihr Geschäftsmodell erfolgreich auf unternehmensnahe Bereiche ausgebaut. Ringier organisiert Events, die Somedia hat eine Werbeagentur ins Leben gerufen. Gelder vom Bund nimmt man aber natürlich trotzdem gerne. Die mächtigen Zeitungsverleger mit ihren Lobbyisten in Bern haben längst vorgespurt, dass der Bund ihnen die Gewinne, die ihnen Gratiszeitungen und Online-Portale gekürzt haben, ersetzen wird. Das Erfolgsmodell, den Staat finanziell einzubinden, ist nicht neu, wie ein Artikel der Online-Plattform linth24.ch am Beispiel der Somedia beschreibt. 

«Längerfristige Finanzierbarkeit»

Der Schweizer Online-Medien (VSOM) wehrt sich gegen diese durchschaubare Zweckentfremdung von Steuergeldern. Er hat das Parlament aufgefordert, das geplante Subventions-Vorhaben abzubrechen sowie auch die Postverteilungs-Subventionen abzuschaffen. Passieren wird dies voraussichtlich nicht, unabhängig davon, ob die vom Steuerzahler bezahlte Subvention für die Grossverlage unsozial ist, die kleinen Portale noch weiter an den Rand drängt und damit der Medienvielfalt im Land schadet.

Ursprünglich wollte der Bund nur Abozeitungen fördern, dann – irgendwie muss man sich heute als Politiker/-in ja Digitalisierung auf die Fahne schreiben – auch Online-Medien, die auf audiovisuelle Inhalte setzen, nun sind es nur noch digitale Portale, die bezahlte Inhalte anbieten. Die absurde Begründung: Nur jene sollen Geld erhalten, die eine «längerfristige Finanzierbarkeit» anstreben. Als ob dies die unabhängigen regionalen Portale nicht auch täten. Auf der anderen Seite hat sich noch nie gezeigt, dass subventionierte Medien diese «längerfristige Finanzierbarkeit» anstreben, sondern schlicht und einfach die Subventionen fest als jährlich wiederkehrende Einnahmen budgetieren. 

Mode(un)wort Digitalisierung

Die Aussensicht: Politikerinnen und Politiker, die im Print-Zeitalter sozialisiert wurden und auch heute noch ihre Zeitung beim Morgenkaffee lesen, haben das Gefühl, sie müssen der Smartphone-Generationen sagen, wie sie welche Medien zu konsumieren haben und merken offenbar nicht, dass es ausser ihrer 50 plus-Generation niemanden interessiert. Aber vielleicht hoffen sie ja auch, dass niemand hinschaut, wenn solche Geschenke von Steuerzahlern via Bund an die Verlagskonzerne verteilt werden. Es erinnert fast ein bisschen an den nationalen Digitaltag, der in der Schweiz mit Millionen von Franken subventioniert wird. An einem Tag soll schweizweit gezeigt werden, was Digitalisierung bedeutet. «Wow-Effekte» beim Vorbeigeh-Publikum sollen den Glauben füttern, die Schweizer Parlamentarier/-innen seien auch «Digital Natives». Ein Versuch eines coolen Handshakes an die Millennials – die schon längst digital leben und denen dies alles am Hintern vorbeigeht. «In Silicon Valley spricht niemand von Digitalisierung», sagte Worldwebforum-Gründer Fabian Hediger in einem Interview mit der Handelszeitung. Das Modewort eignet sich offenbar nur dort, wo sie verschlafen wurde. Es gehe bei Digitalisierung nicht um Technologien, sondern darum, Geschäftsmodelle zu entwickeln, die diese einsetzen würden, schreibt Hediger. 

Für die Politiker/-innen, die in nostalgischem Schwelgen Printmedien mit Geld füttern wollen und sich gleichzeitig als up-to-date fühlen, wenn sie in jedem zweiten Satz «Digitalisierung» sagen, spielt dies keine Rolle. Man füttert lieber die Grossen, um mit ihnen in Frieden zu bleiben. Die Drohkulisse von Stellenabbau und unkontrollierter Mediensituation ist Anlass genug, ein paar Steuermilliönchen dafür einzusetzen. Ich höre schon heute die Argumentation: Es sind ja nur 120 Millionen Franken. Das macht pro Schweizer nur 15 Franken im Jahr – 4 Rappen pro Tag! Dass dies aber grundsätzlich ungerecht, unsozial und unglaubwürdig ist, hat offenbar weniger Gewicht. 

Die Kleinen als Bedrohung?

In den letzten zwei Jahrzehnten sind in der Schweiz diverse lokale, kostenlose Plattformen entstanden (wie auch GRHeute), die regional gut verankert sind und mit Werbung mehr oder weniger finanziert werden. Ihre Unabhängigkeit wird von Bundesbern aber offensichtlich nicht als Medienvielfalt beurteilt, sondern als Bedrohung der überschaubaren Mediensituation, die mit drei, vier Schweizer Monopol-Verlagen einfacher zu handeln ist. Also pumpt man einfach Geld in die Grossverlage rein, um die Kleinen auszubluten. Und da fragt man sich, warum immer wieder von «Staatsmedien» gesprochen wird. 

Langer Rede, kurzer Sinn: Dieses Vorgehen mag für die Herren und Frauen an der Macht aufgehen, zumindest bezüglich Print-Medien muss man aber kein Prophet sein um vorauszusagen: Auch mit einem goldenen Sattel wird ein toter Gaul nicht wieder lebendig. 

 

(Bild: GRHeute)