Der HCD in ernster Schieflage

 
 

 

Der HC Davos steht nach einem 3:1-Sieg vom Sonntag beim B-Ligisten La Chaux-de-Fonds im Cup-Viertelfinal. Das ist aber nur ein kleines Trostpflaster, denn der HCD steckt in der schwierigsten Phase, seit Arno del Curto vor 22 Jahren das Traineramt im Landwassertal übernommen hat. Die 10 Fakten vom Wochenende.

 

1. Das Gute zuerst

 
Nach zuletzt vier Ligapleiten in Serie durften die Davoser wenigstens im Cup ein Erfolgserlebnis feiern. In La Chaux-de-Fonds führten Tino Kessler (14.), Inti Pestoni (38.) und Marc Wieser (50.) die Landwassertaler zum Sieg und zum Einzug in die Viertelfinals.
 

 

 
 

2. Und nun zum Wichtigen

 
Der HC Davos liegt nach der 1:4-Niederlage vom Samstagabend in Genf nun plötzlich neun Punkte unter dem Strich. Auch wenn das «nur» drei Siege Rückstand sind und noch 78% der Regular Season zu spielen sind: Es ist schwer vorstellbar, dass dieser HCD von einem Tag auf den andern den Schalter umlegen kann. Die Realität ist, dass der Rekordmeister derzeit sehr schlechte Karten hat, was die Playoff-Qualifikation angeht. Geht die Negativspirale weiter, muss man schon bald das Saisonziel auf «Ligaerhalt» korrigieren.
 

3. Die Gründe

 
Wie schon letzte Woche geschrieben, ist das Kader derzeit einfach nicht Playoff-tauglich: Die meisten vermeintlichen Teamstützen stehen neben sich, die meisten Jungen und Zuzüge sind Mitläufer, auf der Goalie-Position herrscht Unsicherheit, das Selbstvertrauen des Teams ist im Keller. Aber der Hund liegt noch tiefer begraben.
 

4. Der Coach

 
HCD-Coach Arno del Curto ist in Davos eine lebende Legende. Trotzdem lässt sich nicht abstreiten, dass sich die Gerüchte mehren, dass sich die Zeit des Engadiners an der Davoser Bande dem Ende nähert. Zumindest war eine gewisse Amtsmüdigkeit zuletzt offensichtlich. Seine fast schon verzweifelten Signale, dass er (schon länger) gerne Macht abgäbe (sprich: das Mandat als Sportchef), wurden vom HCD nach medialer Ausschlachtung umgehend umgesetzt. René Müller wird neu den Posten als Sportchef übernehmen. Er war bis anhin Ausbildungschef und übernimmt nun das Amt des Sportchefs, Sandro Rizzi wird neu Assistenztrainer. Diese organisatorische Umstrukturierung entlastet del Curto etwas, ohne grundsätzlich etwas am System HCD zu ändern. Als Mitglied eines vierköpfigen Gremiums, das Müllers Verhandlungen abnicken muss, hat der Engadiner bei Transfers faktisch weiter das Sagen. Viel anders wäre das auch kaum möglich: Schliesslich hat del Curto dieses «Haus» in Davos nach seinen Vorstellungen aufgebaut. Es dürfte für del Curto nicht einfach sein, in Davos plötzlich in einem komplett neuen System zu funktionieren. Müller ist die naheliegende und perfekte Wahl, damit sich AdC voll aufs Coaching konzentrieren kann. 

 

 
 

5. Das System del Curto

 

«Es gab schon einmal eine ähnliche Situation, in der Saison 1999/2000, als mein Vater starb. Damals lagen wir nach zwölf Meisterschaftsrunden mit nur vier Punkten am Tabellenende. Bis zum Ende der Qualifikation arbeiteten wir uns danach aber noch bis auf den siebten Platz vor. Und ein Jahr später wurden wir Meister.» So Arno del Curto im Interview mit der Davoser Zeitung. Tatsächlich sollten sich Kritiker des Erfolgstrainers zurückhalten. Dieses Vertrauen hat sich AdC in den letzten zwei Dekaden redlich verdient. Schliesslich hat das System del Curto über zwei Jahrzehnte funktioniert. Und wer die HCD-Geschichte der letzten 50 Jahre kennt, weiss, dass ein «neues System» mit Personen, die den HCD und del Curto nicht verstehen, nicht funktionieren können. Die besten Chancen, den Turnaround zu schaffen, hat der HCD, indem er am «Alleinherrscher» del Curto festhält. Nur weil del Curtos Last-Second-Transfer von Anders Lindbäck (noch) nicht aufgegangen ist und viele Leistungsträger im Tief sind, wäre ein Kulturwandel im tief verankerten System HCD zum jetzigen Zeitpunkt nichts als ein Glücksspiel.

6. Das Umfeld

Wenn wir schon bei der Geschichte sind: Immer wieder wurde der HCD von der Angst der wirtschaftlichen Nachteile in einer Randregion eingeholt. Auch jetzt ist wieder eine solche Zeit. Davos musste aus finanziellen Gründen viel Kaderqualität ziehen lassen, dazu werden erhebliche organisatorische Ressourcen beim Stadionumbau und bei der Organisation des Spengler Cups gebunden. Es ist an allen Fronten ein harter Kampf für die Bündner. Immerhin setzte der Gönner-Klub 89 letzte Woche ein Zeichen, in dem er einstimmig eine Mitgliederbeitragserhöhung von 1’330 CHF auf neu 1’600 CHF beschloss. Zumindest symbolisch ist das bedeutend. Andererseits würde Davos heute wohl auch einen saudiarabischen Mäzen mit Handkuss an Bord begrüssen. 

7. Die Hoffnung

«Spieler, die erst spät in Davos eingetroffen sind, kommen irgendwann in Form. Wenn das geschieht, wird der HCD eine andere Mannschaft. Allerdings müssen wir von grossem Verletzungspech verschont bleiben, haben wir doch sehr viele junge, noch unerfahrene Spieler im Team. Shane Prince wird sich bestimmt finden. Viele NHL-Spieler bekunden wie er anfänglich Probleme mit den grösseren Eisfeldern in Europa. Lindgren wird in den nächsten zwei Monaten von Tag zu Tag besser. Und Rödin fehlt logischerweise noch die Spielpraxis. Bis jetzt haben wir in dieser Saison praktisch noch keine Ausländer-Treffer. Wenn die Linie mit Rödin, Lindgren und Prince richtig harmoniert, dürfte sie eine der besten Sturmreihen in der National League sein. Dann kommen die Tore und auch das Selbstvertrauen. Stabilität auf hohem Niveau dürfte auch Lindbäck erhalten, denn er ist unbestritten ein starker Torhüter. Das hat er auswärts schon einige Male gezeigt.» Nochmal del Curto in der Davoser Zeitung.

Jetzt wissen wir, wer’s auf dem Eis richten soll. 

8. Der stille Unruhefaktor 

Enzo Corvi ist bisher nicht der Spieler, den wir von der letzten Saison und von seiner sensationellen WM im Frühling kennen. Offenbar ist der Churer durch die Ausgangslage, dass sein Vertrag Ende Saison ausläuft und was von ihm in dieser Saison in Davos erwartet wird, überfordert. Corvi wird von mehreren Klubs umworben, offenbar mit Salärangeboten, die der HCD nur schwer kontern kann. In Davos würde er sicher ordentlich verdienen und dazu auf absehbare Zeit eine zentrale Rolle im gesamten Verein spielen, Corvi könnte das Gesicht der Bündner werden, ähnlich wie es Reto von Arx, Andres Ambühl und Dino Wieser waren oder sind. Was nun? Del Curto: «Er muss sich bald entscheiden. Mit dieser ungewohnten Situation bekundet er grosse Mühe. Er leidet und macht zurzeit auf dem Eis Dinge, die er sonst nie gemacht hat. Enzo ist ein sehr sensibler Mensch. Er wäre gut beraten, wenn er seine Zukunft rasch klären würde – ob er beim HCD bleibt oder geht. Dann kann er wieder befreit aufspielen. Wir brauchen einen Corvi, der „frisch von der Leber weg“ spielt, wenn wir die Playoffs erreichen wollen.»

8. Noch etwas Statistik

Der HC Davos hat:

  • 6 der letzten 7 Spiele verloren.
  • in 11 Spielen nur 20-mal getroffen und dafür 41 Gegentore eingesteckt. Das ist der zweitschlechteste Offensiv- und der schlechteste Defensiv-Wert der gesamten Liga. 
  • ein solides Powerplay (5.-erfolgreichstes der Liga), aber die mit Abstand wenigsten Überzahl-Gelegenheiten der National League (28, im Vergleich zum zweitletzten Fribourg 32)
  • einen Lichtblick in Stürmer Dario Meyer. Der aus Bern zu Davos gestossene 21-jährige Stürmer hat die beiden letzten Spiele getroffen und steht nun bereits bei drei Toren. Das sind soviel wie er die letzten beiden Jahre jeweils beim SCB erzielt hatte.

9. «Big Joe» glaubt

Der HCD erhält mentale Unterstützung von NHL-Star Joe Thornton. Der Superstar, während zwei Lockouts Davos-Spieler, glaubt an seine Kollegen. Thornton lernte in Davos seine Ehefrau kennen und absolviert regelmässig sein Sommertraining in den Bündner Bergen. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger gab er seiner Überraschung über den schlechten Davoser Saisonstart Ausdruck. «Ich halte so viel von Arno. Er ist ein unglaublicher Kommunikator mit den Spielern. Er ist der beste Schweizer Coach aller Zeiten. Er sorgt seit 20 Jahren dafür, dass die Davoser stolz auf ihren Club sein können. Ich bin sicher, dass er den Turnaround schaffen wird. Und in über 20 Jahren darf auch er einmal eine «Off-Season» haben.»

 

 
 
10. So gehts weiter

Am nächsten Wochenende steht eine Doppelrunde gegen Lugano auf dem Programm, am Freitagabend auswärts, am Samstag zuhause. Auch für die Tessiner gehts um viel, stehen sie als Zehnter (direkt vor Davos) mit sechs Punkten Rückstand auf den Strich doch ebenfalls mit dem Rücken zur Wand. Es müssen auf jeden Fall Punkte her. 
 
 

(Bild: Twitter HC Davos)
 
 
 
 
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