Die Coronakrise hat das wirtschaftliche Leben auf der ganzen Welt ins Wanken oder gar zum Erliegen gebracht. Auch in Graubünden haben unzählige Firmen Kurzarbeit angemeldet oder einen staatlich verbürgten Kredit beantragt. Noch viel schwieriger ist die Situation für Start-ups, die erst seit kurzem auf dem Markt sind und nun mit mehr oder weniger grossen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Drei Beispiele aus Graubünden.

Vor zwei Jahren besuchte Melina und Lukas Lütscher den Adventsmarkt in Haldenstein. Beim Stand der Ausbildungshilfe Kenia kamen sie ins Gespräch mit der Vereinsgründerin Susanna Feldmann, was das Ehepaar Lütscher zum Nachdenken anregte. «Das weckte in uns das Verlangen auch etwas zu tun. Wir wollten nicht nur eine einmalige Spende leisten, sondern hilfsbedürftige Personen nachhaltig unterstützen», kamen sie zum Schluss und gründeten das Projekt Pamoia. Gemeinsam mit verschiedenen Partnern produzieren das Jungunternehmen diverse Textilien, wobei garantiert wird, dass mindestens 50% des Erlöses direkt vor Ort – zum Beispiel bei der Ausbildungshilfe Kenia – ankommt.

«Unsere Motivation ist, dass man mit wenig Geld in Kenia sehr viel helfen kann. Ohne dass wir auf etwas verzichten müssen, könnten wir an vielen Orten auf der Welt etwas bewirken. Wir verkaufen ein Alltagsprodukt, das automatisch zur Spende wird», so Lukas Lütscher, «das Logo wurde von Kindern in Kenia designt, somit haben sie  auch einen Teil dazu beigetragen. Alle unsere Artikel sind unter fairen Bedingungen und ökologisch produziert. Wir können nicht Menschen in Afrika unterstützen, indem wir Menschen in Asien ausnutzen. So ist beiden geholfen. Unser Produkt wird so zwar etwas teurer, ich denke jedoch, dass der ökologische und faire Gedanke mittlerweile in der Schweiz angekommen ist.»

Einen direkten Bezug zu Kenia haben die Lütschers zwar nicht. «Ich denke, die meisten Schweizer würden etwas Gutes tun wollen aber wissen nicht richtig wie. Und um an irgendeine Organisation Geld zu Spenden fehlt vielleicht das Vertrauen. So ging es uns, bis wir die Ausbildungshilfe Kenia kennengelernt haben. Sie sind jedes Jahr selber in Kenia vor Ort und versuchen, den Menschen in ihrem zu Hause zu helfen und sie auszubilden, sodass sie sich selbst helfen können und irgendwann nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen sind. Wir wissen, dass das Geld bei diesem Verein nicht hängenbleibt, sondern direkt weiterfliesst und für sinnvolle Projekte in Kenia investiert wird. Die Unterstützung erhalten ca. 70 Familien, die derzeit Teil der Ausbildungshilfe Kenia sind.»

Das nach Gründung des Projekts gleich die Coronakrise zugeschlagen hat, betrifft das Ehepaar Lütscher nur bedingt. Bisher finanzierten sie das Projekt privat und haben andere beruflichen Standbeine. Viel mehr beschäftigt sie die Corona-Situation in Kenia. «Die Coronakrise hat natürlich auch Kenia getroffen», so Lütscher, «ohne ärzliche Hilfe, notwendige Hygienemöglichkeiten und vorallem ohne das Wissen, wie man sich schützt, dürfte die Krise in vielen Teilen von Afrika noch schlimmer werden als bei uns. Durch diese Krise ist unsere Hilfe noch mehr gefragt und ich hoffe, dass wir das trotz schwieriger Situation in der Schweiz merken und uns auch über die Landesgrenzen hinaus ein bisschen um unsere Mitmenschen kümmern.»

«Pitches können auch online stattfinden»

Ein Tech-Startup-Projekt hat vor knapp zwei Jahren Franco Membrini gegründet: Mit seiner Mithras-Technologie könnte das Projekt Bewegung in den vielschichtigen Markt der erneuerbaren, alternativen Energie bringen. Nach anfänglichen Schwierigekiten hat die Investorensuche in den letzten Monaten angezogen, im März wäre Mithras an ein internationales Symposium vielversprechender Startups nach Singapur eingeladen gewesen. Wäre, hätte – der Coronavirus hat die Pläne des Bündner Jung-Unternehmens, dessen Technologie von der ETH mitentwickelt wurde, gehörig durcheinander gewirbelt.

«Startups in unserer Phase sind insofern betroffen, da viele Events, Investorenpitches etc. abgesagt werden. Uns konkret betrifft das zum Beispiel mit dem Wettbewerb in Singapur oder der Kür der Zeitschrift Bilan über die 50 vielversprechendsten Schweizer Startups. Auch Veranstaltungen im Sommer wie zwei Expos wurden schon abgesagt», so Membrini, «für viele Startups in einer frühen Phase ist dies natürlich sehr herausfordernd. Denn viele haben noch keine nennenswerten Umsätze und somit fallen sie auch nicht unter die Bedingungen für einen Überbrückungskredit des Bundes oder ähnliche Massnahmen.» 

Zu stark beeindrucken lassen will sich Membrini durch den Lockdown allerdings nicht. «Die momentane Lage lässt nicht nur Veranstaltungen ausfallen, sie bietet auch einige Chancen. Pitches können auch online stattfinden, viele Investoren haben jetzt auch Zeit sich diese anzuhören. Die gewonnene Zeit kann von den Startups auch genutzt werden, am eigenen Case zu feilen oder sich für Wettbewerbe anzumelden und Visibilität aufzubauen.» Dazu gehören auch  Medienkontakte – gerade letzte Woche berichtete RSI über Mithras. Es gäbe auch diverse Ratgeber, wie sich Startups in der krise verhalten könnten, so Membrini, und verweist auf ein Factsheet des Swiss ICT Investor Clubs (SICTIC)

Schierser Schüler-Projekt stellt um

Ein kleineres, aber ebenfalls ambitioniertes Projekt stammt aus der Küche der Evangelischen Mittelschule Schiers. Ähnlich wie das Projekt Pamoia liegt die Basis des Mini-Unternehmens «ChnusperMüesli» auf ökologische, nachhaltige Produktion. Statt auf Textilien setzt ChnusperMüesli auf den Verkauf verschiedener hausgemachter Müeslis. Die natürlichen Zutaten ohne künstliche Zuckerzusätze stammen ausschliesslich aus der Region und der Schweiz, die Verpackungen sind kompostierbar. Die sechs SchülerInnen produzieren Ihre Müeslivariationen selber in der Mensa der EMS Schiers, die Angebotspalette umfasst lecker klingende Produkte wie Öpfel-Hanfsamenmüesli, Erdbeer-Zitronamüesli und Honig-Müesli, jeweils in den Verpackungsgrössen 200 und 400 Gramm. 

Auf Grund der Corona-Situation können die SchülerInnen ihre bereits produzierten Müeslis nicht mehr auf Märkten oder an der Schule anbieten. In wöchentlichen Online-Teamsitzungen überlegen sie sich, wie sie ihr Miniunternehmen – das auch zu ihrer Maturaarbeit gehört -, weiter betreiben können. Der Schluss war einfach: Seit anfangs letzter Woche bietet ChnusperMüesli einen Heimlieferservice an. Da die Mitglieder des Teams in den Regionen Fünf Dörfer, der Herrschaft und im Vorderprättigau wohnen, wird jeweils von einer Schülerin oder einem Schüler der Heimlieferservice übernommen, die Müeslis werden mit Rechnung in den Briefkasten der Kundschaft gelegt. «Mit einem leckeren Müesli lässt sich die Quarantäne sicherlich besser überbrücken!», sagen die Macher.

«Jeden Tag kamen einige Anfragen in unser Postfach», zieht Chiara Camenisch vom Projektteam ein erstes Fazit, «mit so einer hohen Nachfrage, wie wir sie jetzt haben, hätten wir nicht gerechnet. Zu Beginn war unser Ziel lediglich, einigen Kunden unser gesundes Müesli auch zur jetzigen Zeit zuhause anzubieten. Durch das gute Feedback, das wir erhalten, ist unsere Motivation nur noch grösser.»

«Es braucht Durchhaltevermögen»

Keine Frage, die Startups in Graubünden – so unterschiedlich sie auch sein mögen – haben derzeit keinen einfachen Stand. Von den drei besprochenen will sich aber niemand von der Coronakrise unterkriegen lassen. Ganz nach dem Motto: «Durchhaltevermögen brauchts nicht nur in der Quarantäne!» Die Ziele der Startups haben sich nicht geändert, sprich die Ambitionen sind weiterhin gross. Oder wie Lukas Lütscher vom Projekt Pamoia seine Vision ausdrückt: «Unse Ziel ist es, eine nachhaltige, konstante Unterstützung für hilfsbedürftige Personen zu gewährleisten. Kenia sollte nur der Anfang sein, wir wollen wachsen und so unsere Hilfe auf weitere Länder und Organisationen ausweiten. In fünf Jahren wollen wir so gross wie möglich sein und so viele Familien wie möglich unterstützen.»

 

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(Bilder: GRHeute/zVg.)