Die drei an den U20-Weltmeisterschaften 2018 im finnischen Tampere im Einsatz stehenden Bündner Leichtathletinnen und Leichtathleten haben auf die kürzlich geäusserte Kritik, die Erwartungen bisher nicht ganz erfüllt zu haben, die richtige Antwort gegeben und sich alle leistungsmässig deutlich steigern können.

Die Schweizer 4×100 m-Staffel mit Judith Goll vom BTV Chur Leichtathletik als Startläuferin hatte im Vorlauf die Gunst der Stunde, das heisst die Disqualifikationen der stärkeren Teams der USA und von China, genutzt und sich in 45,01 Sekunden souverän für den Final qualifiziert. In diesem lief dann das Quartett in 44,65 Sekunden auf den guten sechsten Platz und kam mit dieser Zeit bis auf vier Hundertstel an den Schweizer U20-Rekord heran.

Einen erfolgreichen Auftritt hatte im Vorlauf auch die 4×400 m-Staffel mit William Reais vom BTV Chur Leichtathletik als Schlussläufer. Die Langsprinter benötigten nämlich für die vier Bahnrunden 3:09,48 Minuten und verbesserten so den Schweizer U20-Rekord um 2,19 Sekunden. Trotz dieser Topleistung verpassten sie den Finaleinzug um einen Platz oder 0,60 Sekunden, liefen aber unter neunzehn Nationen die neuntbeste Zeit.

Comeback am zweiten Tag

Nachdem Annik Kälin von den Athletik Juniors TV Landquart am ersten Tag des Siebenkampfs mit bescheidenen Leistungen im Kugelstossen und im 200 m-Lauf auf den elften Platz zurückgefallen war, kämpfte sie sich in den verbleibenden drei Disziplinen des zweiten Tages mit grossem Einsatz wieder in den Wettkampf zurück und beendete diesen mit 5664 Punkten auf dem sechsten Platz.

Im Weitsprung erzielte die 18-jährige Athletin mit guten 6,11 Metern das fünftbeste Resultat aller Siebenkämpferinnen, bevor sie sich im Speerwerfen mit 37,73 Metern begnügen musste und vor dem abschliessenden 800 m-Lauf auf dem siebten Zwischenrang lag. In diesem reichte ihr dann die Zeit von 2:24,46 Minuten, um sich noch auf den in Anbetracht der Umstände ausgezeichneten sechsten Schlussrang verbessern zu können.

Vorschusslorbeeren erzeugen unnötigen Druck

Ende Mai 2018 hatte Annik Kälin beim Mehrkampf-Meeting in Götzis mit 5844 Punkten eine neue persönliche Bestleistung erzielt und damit die Limite für die Europameisterschaften in Berlin nur um 56 Punkte verpasst. Einen Monat später errang sie an den in Tenero ausgetragenen Schweizer Leichtathletik-Mehrkampfmeisterschaften mit 5659 Punkten den U20-Meistertitel. Diesen Wert hat die talentierte Athletin an den U20-Weltmeisterschaften in Tampere trotz nicht optimalem Verlauf mit 5664 Punkten knapp übertreffen können.

Vielleicht war es nicht die beste Entscheidung, im Vorfeld dieses Wettkampfes in den Medien von der Limite für die Europameisterschaften in Berlin und von der Schallgrenze von 6000 Punkten zu sprechen, die sich Annik Kälin selbst zuzutrauen scheint. Wenn man die Latte so hoch legt, kann der Leistungsdruck derart gross werden, dass er sich schliesslich leistungshemmend auswirkt. Es ist aus der Distanz schwierig zu sagen, woran es wohl gelegen hat, dass die vor Selbstvertrauen strotzende Athletin ihre vielversprechenden Trainingsleistungen und ihre gute Form im Wettkampf nicht in allen Disziplinen hat umsetzen können. 

Nachdem sie im Vorjahr wegen Rückenproblemen hat kürzer treten und sich auf Einzeldisziplinen hat beschränken müssen, hat sich Annik Kälin trotz schon im Frühjahr auftretender Schmerzen im Ellenbogen des Wurfarmes auch 2018 wieder fast durchwegs steigern können. Sie und ihr Coach, Trainer und gleichzeitig ihr Vater wären aber wohl gut beraten, die Zukunft etwas gelassener, das heisst ohne stetigen Druck anzugehen und vorbehaltslos die Gesundheit gegenüber der Leistung in den Vordergrund zu stellen. Dann kann man zweifellos noch viel von diesem Nachwuchstalent erwarten.

 

(Archivbild: www.swiss-athletics.ch)