Kürzlich durchforstete ich mein Archiv und fand darin unverwendete Perlen. Nun werde ich in unregelmässigen Abständen hier auf GR Heute, Geschichten, Gedichte und anderes Chrüsimüsi publizieren. Mit 18 schrieb ich ein Buch, druckte es als ich 20 wurde 50 Mal und wenig später verschwand es dann wieder von der Bildfläche. Nun möchte ich es euch hier nicht vorenthalten. Diese Perle hier stammt aus dem Jahre 2006. Viel Spass damit!

 

Und so war es dann auch. Die Beiden trafen sich nun fast jeden Tag, oftmals im Bistro, wo Angelina ihr Brot verdiente, andere Male an den schönsten Ecken des Dorfes, wieder andere Male bei Angelina oder bei Naeco zu Hause.

Naecos Mutter war immer hocherfreut, wenn diese Angelina bei ihnen zu Gast war und vielleicht sogar zum Nachtessen blieb. Sie war eine richtige Wunschschwiegertochter für die Mutter. Sie genoss genau wie Naeco ihre frische Art und ihre warme Atmosphäre und bewies auch dass das Schlimmste nicht eintraf und Naeco nicht homosexuell war.

Naeco bemerkte dies und hoffte so noch einen Monat oder zwei mehr an Zeit rausschlagen zu können. Denn auch all die schönen Dinge, die ihm momentan mit Angelina passierten, konnten ihn nicht von seinem Plan abbringen und langsam aber sicher gingen die die zwei versprochenen Monate zu Ende.

Ja, er musste etwas unternehmen. Also kramte er seine Skizzen hervor und überging alles ein weiteres Mal. Es galt mit Angelina darüber zu reden und sie dafür begeistern zu können. Er wusste morgen hatten sie wieder ein Treffen vereinbart. Bis dann hatte er noch genug Zeit alles zu überdenken. Der Plan beschäftigte ihn bald schon drei Monate. Es war höchste Zeit etwas zu unternehmen respektive ihn zu realisieren. Er legte eine Sting-CD in den CDPlayer. Es war so eine Unpluggedscheibe, die er immer dann hörte, wenn er gerade Entspannung suchte oder wieder einmal „Roxanne“ hören wollte.

Er setzte sich an sein Pult, während die ersten Takte der CD aus den Boxen schlichen. Vor ihm lagen alle Dokumente seines Traumes. Es waren inzwischen beträchtlich viele geworden. Er hatte alles sehr, sehr genau aufgeschrieben und aufgezeichnet.

Doch plötzlich kamen Zweifel. Waren diese Visionen nicht der Realität entsprechend? War alles nur ein Hirngespinst eines nie erwachsen werdenden kleinen Jungen? Was würde Angelina dazu sagen? Was war bloss mit ihm los? Er sah wie der Plan ihm plötzlich wie Sand zwischen den Händen zerlief. Er musste aufhören.

Wahrscheinlich war Naeco nur müde und all die Zweifel waren nur ein Zeichen dessen. Er packte alles zusammen und stopfte es zu den Pornoheftern, welche unter seinem Bett versteckt lagen. Selbst Zahnstocher hätten seine zufallenden Augen nicht mehr aufhalten können sich zu schliessen. Er war sehr müde geworden, wahrscheinlich hatte er sich zu fest entspannt und jetzt kam sein grosses Schlafmanko zum Vorschein.

Naeco drückte gleich zu Beginn der zweiten Strophe von „Every breath you take“ den Ausschaltknopf und zum ersten Mal seit langem hatte er dieses Lied nicht mitgesungen, doch dies störte ihn heute nicht besonders. Die Lichter gingen aus und damit auch Naecos Tag zu Ende. Es war eine traumlose Nacht, die erst um zwei Uhr nachmittags endete, als eine liebliche, ihm wohlbekannte weibliche Stimme in sein Ohr drang.

„Hallo Naeco. Wie geht’s? Wie steht’s?“ Naeco drehte sich um und am anderen Ende des Bettes stand niemand geringeres als Angelina. „Shit. Ich habe verpennt.“

„Ja schon, aber eine etwas weniger vulgäre, freundliche Begrüssung hättest du dir schon einfallen lassen können.“

„Ah ja, sorry. Schön, dass du gekommen bist. Gib’ mir Zeit kurz zu duschen und alles.“ „OK…“ „Kannst ja ’n paar CDs hören.“, sagte Naeco und legte gleichzeitig ihre Lieblings-CD von Papa Roach in den CDPlayer. Das Wasser rann halbwarm über seinen och schlaffen Körper. Naeco wusch sich mit den Händen die Müdigkeit aus seinem Gesicht. So etwas dermassen peinliches war ihm schon lange nicht mehr widerfahren. Er war tief beschämt, als er sein Zimmer danach gepflegt betrat.

Angelina sass ganz entspannt auf seinem Bett. Zum Glück hatte er das Fenster über Nacht offen gelassen und es lag somit kein unangenehmer stickiger Duft in der Luft.

„Entschuldige wegen…“ „Nicht der Rede wert!“, antwortete Angelina darauf mit ihrem zauberhaften Lächeln auf den Lippen, für das sie sich sicher in jedem noch so schlechten Hollywoodstreifen einen Oskar verdient hätte. Naeco nuschelte ein „Merci.“ vor sich hin, dass sie jedoch verstand. Er setzte sich neben sie und das Erste was ihm auffiel war, dass die CD gleich zu Ende war, also stand er noch einmal auf.

„Was möchtest du denn jetzt hören?“ „Am liebsten nichts…“ „Ah, ok…“ „Ich möchte im Moment lieber ein wenig mit dir diskutieren.“

„Ja gut; das wollte ich auch.“, antwortete Naeco ein wenig überrascht. Er schaltete den Player aus und senkte sich auf sein Bett mit einem kleinen Anstandsabstand zu ihr.

„Wie war deine Woche?“ „Mmh, ganz ok, ausser dass mich die Kunden, der Chef und das Bistro von a-z nervten wie immer…“ Naeco musste schmunzeln. Er glaubte, nun wäre der ideale Zeitpunkt gekommen auf den Punkt zu kommen.

„Angelina…“, er blickte sie an. „Darf ich dir eine kurze Geschichte erzählen?“ „Ja, sicher. Leg los; ich bin gespannt.“

„Also gut… Eines Morgens erwachte ich und hatte eine Idee. Diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen. Im Gegenteil. Alles hat mich immer mehr interessiert und ich wurde fast schon süchtig diese Idee in die Realität umzusetzen.“

Angelina sass neben ihm und sah ihn die ganze Zeit an. Er selbst starrte zu seinen Füssen hinunter und war sich schon wieder nicht mehr so sicher, ob es wirklich schon der richtige Zeitpunkt gewesen war. „Ja?!?“ unterbrach Angelina dann sein Schweigen. „Eben. Wie soll ich’s sagen… Es ist so: Weisst du, ich habe von der ganzen Welt noch nicht viel mehr als diese kleine miese Vorstadt gesehen…“

Angelina war schockiert. Sie war totaler Fan der Gegend hier und liebte auch dieses Vorstädtchen. „Aber…“ sprach sich dann, „das ist ja nicht schlimm, oder?“ Zweifel schlich in ihre Augen. „Nein, sicher nicht… Aber ich habe langsam aber sicher das Gefühl hier zu versauern.“ Angelina wollte ihn jetzt nicht mehr unterbrechen, da sie ja nicht genau wusste, auf was Naeco genau raus war.

„Ich denke, ein Käfig ist nichts für mich und dieses Leben wird es für mich immer mehr. Ich muss raus. Das Fernweh brennt und bringt mein Blut immer zum Kochen. Doch ich möchte dich bitten… Komm mit! Lass uns abhauen! Weg vom Spieserleben, dem Beruf und allem, was einem einengt. Komm, lass uns eine Weltreise machen. So eine richtige „Tour de monde“.“

Naecos Augen funkelten als er diese Wörter sprach. Angelina hatte es leid. „Naeco, ich kann nicht. Mein Leben findet hier statt. Meine Eltern, meine ganze Existenz ist hier. Dieser Ort ist das Erste, was ich sah und bisher auch das Einzige und es ist von dem her auch gar nicht so schlecht hier…“

Naeco war am Boden zerstört. Sie hatte soeben seine Vision mit ein paar wenigen Worten zerstört. „Doch, es ist schlecht hier!“ Naeco war völlig enttäuscht und gleichzeitig auch ein bisschen wütend auf Angelina.

„Ich dachte, du könntest mich verstehen…“ Doch genau das konnte sie überhaupt nicht. „Wie kannst du nur solche Dinge sagen?“ „Es tut mir leid, aber das ist nun mal, was ich denke und fühle. Dieses Kaff ist ein Drecksloch und meine Seele schreit nach Freiheit! Ich muss hier raus so schnell als möglich, bevor ich innerlich verwese.“

„Du bist ein totaler Utopist, das hätte ich nie von dir gedacht.“ „Tut mir leid, wenn Madame Prinzessin lieber zu Hause sitzt und versauert als zu leben…“ „Ach so. Von hier her weht der Wind…“

Die Beiden waren zum ersten Mal in einen regelrechten Streit geraten. Naeco bereute plötzlich, was er als letztes zu Angelina gesagt hatte. Nun war es leider zu spät für eine Entschuldigung, denn Angelina sprach: „Ich habe immer gedacht, wir beide wären seelenverwandte Leute, die genug Intelligenz besitzen, um sich nicht streiten zu müssen. Doch das war anscheinend eine Fehleinschätzung. Vielleicht ist es besser, wenn wir uns für eine Weile nicht mehr sehen.“ „Aber…“ „Es tut mir leid, Naeco, aber diese Geschichte enttäuscht mich sehr und trübt das Bild, welches ich von dir hatte. Du weißt, ich liebe meine Heimat und du hast soeben nicht nur meine Heimat, sondern auch mich zu tiefst beleidigt.“

„Bitte geh jetzt…“, forderte Naeco sie auf, während er aufstand und ihr nicht mehr in die Augen sehen konnte. Er drehte sich zur gegenüberliegenden Wand und sah konstant nicht mehr in ihre Richtung.

„Aber…“ „Nein. Es tut mir leid. Bitte, geh jetzt…“ „Ok, bye.“ „Tschüss.“ Angelina schritt zur Tür hinaus mit Tränen in den Augen. Naeco fiel auf sein Bett und konnte obwohl es ihm vor sich selber peinlich war, sein Weinen nicht mehr zurückhalten.

Er hatte sie soeben verloren und am liebsten hätte er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. Wie konnte man, wegen einer anderen Meinung einen solch grossen Streit aufziehen? Ein gebrochener Mann setzte sich abends an den Essenstisch mit dem Rest der Familie.

„Was ist los?“, fragte seine Mutter. „Ach, nichts…“ Doch seiner Mutter konnte er nichts vormachen. Sie kannte ihn besser als er sich selbst kannte. „Was ist los? Ich merke, dass was nicht stimmt.“ „Ach, nein. Es ist nicht wichtig.“ „War etwas mit Angelina?“

„Wahrscheinlich hat er ihr an die Titten gegriffen und sie ihm eine geschmiert.“, stichelte Aes.

„Ach, fick dich ins Knie!“ „Hehe, so wird nicht miteinander gesprochen!“, sprach die Mutter. Papa nickte wie immer und hatte nichts mit ein zu bringen.

„Wir haben uns gestritten und sie hat gesagt, sie will mich jetzt für lange Zeit nicht mehr sehen.“ „Ach, das wird schon wieder.“ „Nein, ich glaube nicht…“

„Komm schon. Kopf hoch und sonst hat noch manche andere Mutter eine schöne Tochter.“ Das war jetzt genau der Trost, der ihm noch gefehlt hatte.

Ihm verging der Hunger und er fand alles plötzlich nur noch zum Kotzen. Doch er versuchte sich zusammen zu reissen, nicht weiter auf das Geschwätz einzugehen und so zu tun, als hätte ihm dieser Trost geholfen. Er setzte sein Kunstgrinsen auf und die Anderen waren getäuscht, damit er seine Ruhe hatte. Naeco ging heute schon relativ früh zu Bett, da er ja so oder so immer müde war und es dagegen leider noch keine Tabletten gab, sondern nur Schlafen Nutzen mit sich brachte.

Doch er konnte nicht wirklich gut schlafen, da er ständig aufwachte und an Angelina denken musste. Doch auch in dieser Nacht fasste er einen Entschluss, der sein Leben für immer verändern würde.