Das Image des Tourismusdirektors

Ich komme gerade aus dem Managementseminar des Verbandes der Schweizer Tourismusdirektoren in Bad Zurzach. Während drei Tagen bildeten sich über 70 Tourismusmanager von Destinationen, Bergbahnen oder tourismusnahen Unternehmen weiter und diskutierten über Themen wie Digitalisierung, Lean Management bei DMO’s oder Führung. Das Abschluss-Referat stand unter dem Motto «Tourismusdirektor – wie weiter» und widmete sich dem Thema der möglichen weiteren Berufswege für Tourismusdirektoren.

Ein Führungsmitglied einer anerkannten Selektionsfirma für Führungskräfte konfrontierte uns mit folgender These: Das Image des Tourismusdirektors in der heutigen Unternehmerwelt umfasst Begriffe wie «Selbstdarsteller, Cüpli-Trinker, Verwalter von Staatsgeldern, Schönredner usw.». Die anwesenden Tourismusdirektoren waren doch etwas schockiert ob dieser Aussage und äusserten sich vehement gegen diese veralteten Ansichten unseres Berufsstandes. Denn eines ist sicher: In der heutigen Zeit der Veränderung und der bestehenden Verhältnisse in unseren Zielmärkten, jeder Tourismusdirektor – egal, in welcher Destination – ist heute gefordert.

Ich arbeite nun seit mehr als 20 Jahre im Tourismus, davon hatte ich 15 Jahre in Destinationen oder mit Destinationen zu tun. Die Ansprüche an den Tourismusdirektor sind in dieser Zeit massiv gestiegen. Als Tourismusdirektor braucht es eine grosse Führungskompetenz, denn man ist Motivator und Vorreiter für sein Team und die Leistungsträger, und dies ohne sich in den Vordergrund zu stellen. Man ist Generalist ohne fachlichen Tiefgang, aber mit viel Erfahrung im Bereich Marketing, PR/Medien, Events und neuen Kommunikationskanälen und man hat Erfahrung in operativer und strategischer Prozessführung. Als starker Verhandlungspartner kennt man die Interessen der Stakeholder und versucht, diese unter einen Hut zu bringen und dank hoher Sozialkompetenz beweist man Kommunikationsfähigkeit, Network- oder Lobbyingarbeit. Tourismusdirektoren haben eine hohe Frustrationstoleranz, sind anpassungsfähig und flexibel und identifizieren sich wie kein zweiter mit ihrer Destination.

Fakt ist aber leider, dass das erwähnte Image in den Köpfen von vielen Menschen präsent ist. Sicherlich nicht bei unseren Leistungsträgern, welche unsere Arbeit schätzen. Sicher nicht bei unseren Mitarbeitenden, welche mit uns gemeinsam die Destination vorwärtsbringen. Aber bei vielen Politikern und Journalisten ist es fix im Repertoire drin. Als Kopf einer Destination muss man ein Selbstdarsteller sein, denn nur wer bekannt ist, kommt an wichtige Kontakte. Dies heisst aber nicht, dass das Team und das Umfeld immer in den Hintergrund gerückt werden. Das «Cüpli» kann oft auch ein Kaffee, ein Bier oder ein Glas Wein sein, denn genau bei diesen zwischenmenschlichen Treffen entstehen wichtige Netzwerke für unsere Destinationen. Und ja, wir erhalten öffentliche Gelder für unsere Unternehmen. Jedoch haben wir Leistungsvereinbarungen, diese Gelder effizient am Markt einzusetzen, um unseren Leistungsträgern Kanäle zu öffnen, um ihre Angebote zu platzieren. Und das mit dem Schönreden hat sicherlich auch etwas, denn wir sind ja Verkäufer.

Der Referent hat während seines Vortrages diese Vorurteile mit den Stärken unserer Tätigkeiten, welche auch in Branchen ausserhalb des Tourismus gesucht sind, klar widerlegt und er ermutigte uns, doch auch einmal den Weg in die Industrie zu suchen, denn erfolgreiche Persönlichkeiten brauche es überall. Was das für mich heisst? Ich bleibe dem Tourismus treu, denn das «hinter den Kulissen schwitzen und arbeiten» und das «auf der Bühne strahlen und geniessen», der Kontakt mit meinen Leistungsträgern und Gästen, das ständig wechselnde Umfeld mit vielen Herausforderungen und – wenn es denn aufgeht – die Erfolge gemeinsam mit allen Involvierten zu feiern, das kann nur der Tourismus! Und drum gehe ich jetzt – nach dem Seminar und vor dem Abflug zum Verkaufstrip nach Skandinavien – auf die Bühne und geniesse einen Netzwerkabend im DAS ZELT… mit einem Cüpli.

 

Kommentar

Lieber Bruno

Haben die Tourismusdirektoren nichts anderes zu tun, als über ihr Image nachzudenken!? Haben sie nicht grössere «Probleme»!?

Das wäre eine mögliche Fragestellung nach Deiner Kolumne. Doch Deine Gedanken bringen es auf den Punkt, dass die Frage nach dem Image eine sehr wohl relevante Frage für Tourismusdirektoren ist. Denn: Vom Image leben nicht nur Direktoren, sondern ganze Branchen. Tourismusdestinationen, Handyanbieter, Autofirmen, Warenketten, Putzunternehmen, Anwaltskanzleien oder Bahnunternehmen: Alle leben vom Image. Und je besser das Image, umso besser lebt es sich davon. Tourismusdirektoren und -direktorinnen sollten sich sehr wohl Gedanken machen, wie sie wahrgenommen werden, wie sie als «Marke funktionieren». In der Destination gegen innen aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit gegen aussen. Denn Image-Öffentlichkeitsarbeit für die eigene Destination kann für die eigenen Leistungsträger und auch für Auftraggeber ein wichtiger Vorteil im Markt sein.

Die folgende «Image-Liste» ist völlig subjektiv, nicht ganz ernst zu nehmen und doch vielleicht spannend:

  • Urs Wohler (Engadin, Val Müstair, Samnaun): Nachhaltigkeit
  • Martin Vincenz (Arosa): Mister Humorfestival
  • Hans-Kaspar Schwarzenbach (schon wieder Arosa): Mister „All-inclusive“
  • Marco Solari (Tessin): Ticino und Kultur
  • Jürg Schmid (Schweiz Tourismus): „Die Schweiz ist Qualität“

Im Idealfall deckt sich das Image des Tourismusdirektors mit jenem der Destination, was aber nur durch langjährige Arbeit möglich ist. Die Klassiker sind wohl:

  • Hans Peter Danuser (St. Moritz): Luxus und Glamour
  • Kurt Illi (Luzern): „Luzern ist die Kapellbrücke“
  • Reto Gurtner (Laax): Innovationskraft am Berg
  • Claude Nobs am Lac Léman: Monsieur Montreux Jazz Festival

Insider wissen, dass die beiden letzten Beispiele gar keine Tourismusdirektoren sind oder waren. Nobs war Festivalorganisator und Gurtner ist Bergbahndirektor. Sie zeigen aber, dass gute Tourismusdirektorinnen und Tourismusdirektoren dann Platz machen, wenn, wie Claude Nobs, andere bessere Imagebotschafter sind als sie selber. Das ist dann clever.

Die negativen Beispiele zähle ich nicht auf. Deren Image muss man hier in diesem Kommentar nicht weiter zementieren.

Es bleibt noch Bruno Fläcklin in Lenzerheide. Image: Sport-Macher.

Somit mein Fazit, Bruno: Cüplitrinken kann im richtigen Moment absolut imagestärkend sein, wenn es nicht zu viel und zu oft wird. Ausser: Man arbeitet für einen Cüpliproduzenten. Bei «nüchterner» Betrachtungsweise wäre das wieder imagefördernd.

Liebe Grüsse vom LandWASSERtal,

Ernst Bromeis
Wasserbotschafter und Expeditionsschwimmer

 

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden. Unverblümt und direkt von der Front.