«Unser Ziel ist es, Brienz zu erhalten»

Zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner würden am liebsten weiter in der Gemeinde Albula/Alvra wohnen, falls ihr Dorf umgesiedelt werden müsste. Dies ergab eine Umfrage der Gemeinde bei den Betroffenen des Brienzer Rutsches. Die Kommission Siedlung der Gemeinde befasst sich mit der Frage, was zu tun wäre, wenn Brienz/Brinzauls einmal nicht mehr bewohnbar wäre. Kommissionspräsident Benno Burtscher (Bild) wünscht sich, dass die ganze Arbeit seiner Kommission gar nie gebraucht wird und Brienz/Brinzauls noch lange bewohnt ist.

 

Mitte Oktober haben Sie die betroffenen Bewohner und Zweitheimischen von Brienz und die Öffentlichkeit über ihre bisherigen Abklärungen zu einer Umsiedlung orientiert. Gab es Reaktionen darauf?

Das Interesse der Betroffenen und der Bevölkerung der Gemeinde Albula/Alvra ist gross. Es sind verschiedene Fragen und Bemerkungen eingegangen, die wir bereits beantworten konnten. Ich denke, wir konnten aufzeigen, dass die Fragen rund um eine mögliche Umsiedlung sehr komplex sind.

Sie haben schon zwei Umfragen und zahlreiche Einzelgespräche mit den Betroffenen durchgeführt. Wie gehen diese mit der Situation um?

Kein Fall ist mit dem anderen vergleichbar, aber wir versuchen, auf die Ängste und Bedürfnisse aller Betroffenen einzugehen. Ich bin beeindruckt, wie ruhig und besonnen sie mit dieser schwierigen Situation umgehen. 

Unter den Betroffenen sind Einheimische und Zweitheimische. Spüren Sie Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, wenn es um Umsiedlungsfragen geht?

Bei den Einheimischen ist die Umsiedlungsfrage existenziell. Sie würden schliesslich ihr Dach über dem Kopf verlieren. Aber auch für die Zweitheimischen ist die Situation schwierig, auch sie haben viel Geld und viel Herzblut in Brienz investiert.

In einer Umfrage hat eine grosse Zahl von Betroffenen angegeben, am liebsten nach Vazerol ziehen zu wollen. Hatten Sie das erwartet?

Das war keine Überraschung. Vazerol ist nah und es ist ähnlich schön gelegen wie Brienz/Brinzauls. Eine tolle Wohnlage, die auch für uns der bevorzugte Standort für eine Umsiedlung wäre.

Sie sagen «wäre». Vazerol ist als Umsiedlungsstandort nur bedingt geeignet. Warum?

Wir können heute noch nicht genau abschätzen, wie gross die direkte Gefährdung von Vazerol durch einen Bergsturz aus dem Szenario «West» ist. Auch wissen wir nicht, welche Auswirkungen ein naher Bergsturz auf Vazerol hätte, selbst wenn Vazerol direkt nicht beschädigt würde. Wir haben Vazerol als Standort aber nicht gestrichen. Es braucht einfach noch mehr Abklärungen.

Geprüfte Umsiedlungs-Standorte Alvaschein, Vazerol, Surava, Alvaneu Bad und Alvaneu Dorf

Grün: Geeignet
Gelb: Mit Vorbehalt geeignet
Rot: Nicht geeignet

Man müsste meinen, die Umsiedlung eines Dorfes sollte ein übergeordnetes Interesse darstellen. Kann man in so einem Fall nicht einfach Land einzonen, welches ausserhalb der Gefahrenzone liegt?

Ob für eine allfällige Umsiedlung Land neu eingezont werden darf, ist ebenfalls Gegenstand unserer Abklärungen. Bisher gehen wir davon aus, dass die Grundsätze der Raumplanung auch dafür gelten. Das ist eine Knacknuss.

Eine Umsiedlung würde für die Betroffenen sehr teuer. Die Gebäudeversicherung würde nur die Häuser ersetzen, nicht aber das Bauland, das nach einer Umsiedlung vermutlich nicht mehr viel Wert hätte. Wie sollen sie das finanziell stemmen?

Diese Frage ist für viele der Betroffenen existenziell. Wir suchen in Zusammenarbeit mit dem Kanton und dem Bund nach Lösungen. Zur Schliessung von Finanzierungslücken könnte zum Beispiel ein Umsiedlungsfonds geschaffen werden, der Betroffene unterstützt. 

Würde die Gemeinde da finanziell aktiv?

Die Gemeinde hat wohl keinen finanziellen Handlungsspielraum, um selber den Erwerb von Bauland zu finanzieren.

Auch die Gemeinde selber müsste mit hohen Kosten rechnen, wenn sie neue Bauparzellen mit Strassen und Leitungen erschliessen müsste. Würde sie durch den Kanton und den Bund unterstützt?

Die Planung und Umsetzung des Siedlungsprojektes kann vom Bund und Kanton mit maximal 90 Prozent subventioniert werden. Auch in diesem Punkt sind Fragen offen, die wir im Rahmen unserer Arbeit beantworten wollen. Aktuell arbeiten wir am Gesuch an Bund und Kanton für deren Beiträge.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Kanton. Wo hilft er Ihnen?

Der Kanton bringt sich sehr aktiv ein und unterstützt unsere Arbeit. In unserer Kommission arbeiten die Amtsleiter für Raumentwicklung (Richard Atzmüller), Landwirtschaft und Geoinformation (Daniel Buschauer) und der Direktor der Gebäudeversicherung Graubünden (Markus Feltscher) mit. Zudem tauschen wir uns sehr eng mit dem Amt für Wald und Naturgefahren aus, welches auch den Kontakt zum Bundesamt für Umwelt sicherstellt. Die Zusammenarbeit ist sehr erfreulich; die kantonalen Stellen haben immer ein offenes Ohr für uns und unterstützen uns mit ihrem Wissen, ihrer Erfahrung und ihrem Netzwerk.

Und beim Bund? Sind Brienz und die Brienzer dort überhaupt ein Thema?

Auf jeden Fall! Der Brienzer Rutsch und unsere Abklärungen für eine allfällige Umsiedlung sind schweizweit einmalig. Der Kontakt zum Bundesamt für Umwelt ist sehr gut. 

 

Rutschgeschwindigkeit nimmt zu

Nachdem sich die Rutschung über die Sommermonate im Trend leicht verlangsamt hatte, ist seit Oktober die erwartete Trendumkehr feststellbar. Die kalte Jahreszeit mit Regen und Schnee führt zu leicht zunehmenden Geschwindigkeiten. Dies betrifft sämtliche Bereiche der Rutschung Berg. Die Gesteinsmassen der Szenarien West und Insel reagieren noch immer rasch auf Niederschlagsereignisse, so zuletzt auf den Regen und Schnee vom Montag, 26. Oktober. Die Geschwindigkeiten in diesen Bereichen sind seit längerem sehr hoch, erholen sich aber zurzeit leicht. 

 

Richt- und Zonenpläne, Einzonungen, Zweitwohnungsgesetz, Finanzierungsfragen… Das klingt alles enorm kompliziert und langwierig. Ist es denn überhaupt realistisch, Brienz im Bedarfsfall umzusiedeln oder werden sich die Bewohner am Ende in alle Winde zerstreuen und dort wohnen, wo es heute schon Platz gibt?

Ich möchte noch einmal betonen, dass wir eine Umsiedlung gar nicht wollen. Sie wäre nur der «Plan B», falls die technische Sanierung der Rutschung mit dem Entwässerungsstollen nicht die erhofften Resultate bringt und die Rutschung das Dorf weiter beschädigen sollte.

Falls eine Umsiedlung aber nötig würde, wäre sie natürlich ein langfristiges und kein kurzfristiges Projekt. Ob und wie rasch die Betroffenen an einen neuen Standort ziehen könnten, hängt dann von sehr vielen Faktoren ab. Die Gemeinde ist aber sehr interessiert daran, dass alle Betroffenen, die in so einem Fall in der Gemeinde bleiben wollen, das auch tun können.

Frustriert es Sie, dass alles so kompliziert ist?

Nein, überhaupt nicht – im Gegenteil. Die mögliche Umsiedlung eines ganzen Dorfes ist eine sehr komplexe Aufgabe – das wusste ich schon, bevor ich diese Aufgabe übernommen habe. Neben den rechtlichen und finanziellen Fragen sind es auch menschliche Aspekte, die uns beschäftigen. Unsere Aufgabe ist kompliziert, aber auch sehr wichtig.

Erstmals seit dem Frühling gab es auch wieder zwei kleinere Versammlungen im Schulhaus. Warum?

Wir wollen wissen, was die betroffenen Einheimischen und Zweitheimischen beschäftigt und was sie brauchen. Bei den Bevölkerungsinformationen im kleineren Rahmen konnten sie uns Fragen stellen und sich auch direkt mit uns unterhalten. Sie haben das sehr geschätzt und wir haben wichtige Rückmeldungen von ihnen bekommen.

In den Versammlungen wurde ein Bericht zur Studie «Umsiedlung» vorgestellt. Warum wurde er noch nicht veröffentlicht?

Die Informationsveranstaltungen haben uns noch einmal wichtige Rückmeldungen gebracht, die in unsere Arbeit einfliessen. Sobald wir sie im Bericht verarbeitet haben, kann er veröffentlicht werden.

Ihr Kommission heisst «Siedlung». Müsste sie nicht «Umsiedlung» heissen?

Wie bereits erwähnt, ist die Umsiedlung nicht unser Ziel. Ziel ist es, die Siedlung zu erhalten. Für den Fall, dass eine Umsiedlung unumgänglich werden sollte, muss die Gemeinde aber vorbereitet sein. Aber am liebsten wäre mir natürlich, dass wir all unsere Arbeit gar nie brauchen und Brienz/Brinzauls noch sehr lange bewohnt wird.

 

Das Interview erschien im Informationsbulletin zum Brienzer Rutsch. Dieses kann hier abonniert werden. 

 

(Archivbild: zVg.)