Seit März 2020 untersucht der Archäologische Dienst Graubünden im Rahmen einer Notgrabung das Areal beim Sennhof in der Churer Altstadt. Dabei konnte in den vergangenen Wochen ein mittelalterliches Handwerkerquartier freigelegt werden. Zahlreiche Funde bezeugen verschiedenartige kunsthandwerkliche Tätigkeiten in diesem Gebiet vor etwa 1000 Jahren. Als herausragendes Einzelobjekt gilt die Entdeckung einer einzigartigen Gussform für Schmuck und religiöse Gegenstände.

Die Areale Karlihof und Sennhof im Osten der Churer Altstadt gehören zu den bedeutenden archäologischen Fundstellen des Kantons Graubünden. Bereits zwischen 1984 und 1990 fanden hier wegen der Errichtung eines Kulturgüterschutzraums sowie eines neuen Gebäudetrakts für die ehemalige Justizvollzugsanstalt Sennhof umfassende archäologische Ausgrabungen statt. Damals wurden Siedlungsreste sowie Grabgruppen untersucht, die eine beinahe kontinuierliche Nutzung des Gebiets von der Spätbronzezeit bis in die Neuzeit belegen.

Seit März dieses Jahres ist der Archäologisches Dienst Graubünden (ADG) nun wiederum auf dem Areal Sennhof tätig. Grund dafür ist die geplante Neugestaltung des ehemaligen Gefängnisses, die bislang unbebaute Flächen berührt. Die aktuellen archäologischen Arbeiten sind notwendig, um die im Boden erhaltenen Strukturen und Funde noch vor Baubeginn untersuchen, dokumentieren und so für die Nachwelt sichern zu können.

Mittelalterliches Handwerkerquartier entdeckt

Gegenwärtig untersucht eine Grabungsequipe des ADG einen Abschnitt im Südosten der Baufläche, wo unscheinbare Strukturen in Form von Pfostensetzungen, Gruben und Gräbchen sowie ein mächtiges Nutzungsniveau mit Steinrollierungen freigelegt wurden. Besonders bemerkenswert sind die hohe Anzahl und die Art der dort vorhandenen Fundobjekte. Es handelt sich um grosse Mengen an Tierknochen (grösstenteils von Pferden) beziehungsweise Halbfabrikaten und Produktionsabfall von Knochenschnitzern. Auch Barren aus Buntmetall, Spinnwirtel, Glasschlacken und ähnliche Fragmente zählen zu den Fundobjekten. Die Kombination aus einfachen Holzbauten und dem spezifischen Fundmaterial darf als Werkstattareal mit unterschiedlichen handwerklichen Tätigkeiten aus dem Früh- und Hochmittelalter interpretiert werden.

Schweizweit aussergewöhnliches Einzelobjekt

Vor Kurzem konnte zudem ein ganz besonderes Einzelobjekt entdeckt werden. Es handelt sich dabei um eine nur 9 x 8,5 x 3 Zentimeter grosse Steinplatte, die als Gussform zur seriellen Produktion von Schmuckobjekten beziehungsweise religiösen Gegenständen diente. Derartige Gussformen finden sich im archäologischen Kontext sehr selten. Mit der überaus gut erhaltenen Gussform von Chur-Sennhof konnten vor rund 1000 Jahren Kreuzanhänger mit Christusdarstellung, Scheibenfibeln, Finger- und Ohrringe sowie Anhänger beziehungsweise Appliken in Adlerform hergestellt werden. Nach bisherigem Kenntnisstand ist die Gussform in das 9. bis 11. Jahrhundert zu datieren. Der für Graubünden und die Schweiz aussergewöhnliche Fund wird in den nächsten Monaten eingehender untersucht und wissenschaftlich publiziert. Darüber hinaus ist eine öffentliche Präsentation der neuen Funde im Rahmen einer derzeit geplanten Sonderausstellung zum Thema „Handel und Handwerk zwischen Bodensee und Alpenrhein“ für den Sommer 2023 im Rätischen Museum in Chur vorgesehen.

(Bild: dt Archäologischer Dienst Graubünden)