An den langen Staus und dem grossen Besucheraufkommen an verschiedenen Ausflugszielen zeigt sich deutlich, dass viele Schweizerinnen und Schweizer Nachholbedarf haben. Sie brauchen dringend einen Tapetenwechsel – eine grosse Chance für den Bündner Tourismus. Und so blicken viele Bündner Leistungsträger recht positiv in die Sommersaison. Der aktuelle Buchungsstand in der Hotellerie gibt ihnen Recht: gemäss Hotelleriesuisse Graubünden liegt er aktuell bei 32-38 % und steigt dank vielen Buchungen von Herr und Frau Schweizer schnell an. Bei einer durchschnittlichen Bettenauslastung im ganzen Kanton von rund 40 % übers ganze Jahr ist diese Entwicklung vielversprechend. Das Vertrauen der Gäste scheint wieder hergestellt und wird durch die Tatsache gestärkt, dass im Sommer viele Aktivitäten und Angebote draussen an der frischen Luft stattfinden können.

Doch die Situation ist noch fragil. Ein Blick ins Ausland legt nämlich nahe, dass ein Auf und Ab von Lockerungs- und Eindämmungsmassnahmen durchaus die neue Realität werden könnte. In Südkorea, dem Musterland in Asien, kam es in Seoul bereits nach vier Tagen nach Aufhebung des Lockdowns zur erneuten, flächendeckenden Schliessung von Bars und Nachtclubs, weil verschiedene Infektionscluster entdeckt wurden. Vor diesem Hintergrund ist es blauäugig zu glauben, dass wir bald zurück beim «business as usual» sind. Abstands- und Hygieneregeln dürften uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben, lokal auftretende Infektionsherde sind wahrscheinlich und eine zweite Ansteckungswelle kann nicht ausgeschlossen werden. Um erneute einschneidende Restriktionen zu vermeiden und die für Graubünden so wichtige Wintersaison nicht zu gefährden, heisst es jetzt: tätig werden!

Mehr Abstand bedeutet kleinere Kapazitäten und geringere Umsätze bei oftmals gleichbleibenden Kosten – ein betriebswirtschaftliches Dilemma. Es braucht also Lösungen, welche für ein schwarzes Betriebsergebnis sorgen und gleichzeitig den Spagat zwischen Sicherheitsanforderungen und intaktem Gästeerlebnis schaffen. Leistungsträger sind gefordert. Dabei können sie von anderen lernen: der Kanton Tessin mit dem bevorstehenden Start in seine Hauptsaison, grosse Hotelketten und hochfrequentierte Sommerferienziele setzen derzeit Massnahmen um, deren Bewährungsprobe unmittelbar bevorsteht.

Übergeordnete Herausforderungen, wie der Vertrauensgewinn von Gästen oder die geschickte Verteilung und Lenkung von Personen, müssen gemeinsam angepackt werden. Das «Impulsprogramm Tourismus» unter der Leitung der Interessegemeinschaft Tourismus (ITG) ist ein Beispiel für einen solchen Schulterschluss, um Lösungsansätze mit Hinblick auf die Wintersaison gemeinsam voranzutreiben. Wenn es gelingt, das Momentum zu nutzen und ein paar wirkungsvolle Massnahmen umzusetzen, welche den Umsatz in der Wintersaison sichern und gleichzeitig das Tourismusprodukt Graubünden besser machen, dann ist viel gewonnen.

Die Tourismus-Total-Expertenrunde von GRHeute berichtet einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden. Heute für Sie unverblümt und direkt von der Front: Brigitte Küng, Projektleiterin, Macherin und Strategieberaterin bei Hanser Consulting AG, Chur.

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