Kleines Mädel auf grosser Fahrt

Der Schulrat muss den Schulweg für die Schulkinder organisieren, so will es das Schulgesetz. Dass das nicht immer ganz so einfach ist wie es klingt zeigt uns das Beispiel der kleinen Joline aus Preda.

Auf den Dörfern wohnen die meisten Kinder in Gehdistanz zur Schule, und wenn nicht, dann holt und bringt sie der Schulbus. In Bergün ist der Fahrplan der Schulbusse nach und von Latsch, Stugls und Filisur auf den Stundenplan der Kindergarten- und Schulkinder abgestimmt, hier ist sichergestellt, dass die Kleinen immer sicher zum Unterricht nach Bergün und im Anschluss wieder nach Hause kommen. Was aber, wenn der Schulbus gar nicht fahren kann, weil die Strasse jeweils mehrere Monate im Jahr geschlossen ist?

Kein Schulbus auf der Schlittelbahn

Als für Joline als damals einziges schulpflichtiges Kind aus Preda im August 2015 der Kindergarten in Bergün beginnen sollte, standen ihre Eltern und der Schulrat von Bergün vor einem Problem. Der Albulapass wird jedes Jahr spätestens Mitte Dezember geschlossen, da im Winter jeden Tag Hunderte von fröhlichen Schlittlern die berühmte Schlittelbahn von Preda gen Bergün sausen. Natürlich hätten Jolines Eltern ihre Tochter bis zur Schliessung noch mit dem Auto nach Bergün fahren und auch wieder abholen können, allerdings wäre man dann einige Monate später immer noch vor dem gleichen Problem gestanden, diesmal in Form der Strassenbarriere. Schulbus und Auto wären also keine Dauerlösung gewesen, was blieb war die RhB. Jolines Eltern entschieden damals gemeinsam mit dem Schulverband Bergün-Filisur „Joline von Anfang an mit dem Zug zu schicken, damit es bis zum Winter auch gut klappt“.

RhB hilft tatkräftig mit

Gesagt, getan. Während ihrer ersten Woche im Kindergarten wurde Joline noch von ihrer Mutter begleitet, aber ab dann hiess es für die damals Fünfjährige: Alleine auf grosser Fahrt zwischen Preda und Bergün. „Joline war anfangs sehr schüchtern und hatte Angst  vor fremden Menschen“ erinnert sich ihre Mutter Jenny Oberli. Ihr selber war auch etwas mulmig zumute ihre kleine Tochter so ganz alleine Zug fahren zu lassen, zumal Joline anfangs weder die Abteiltür alleine öffnen konnte, noch kam sie an den Türöffnungsknopf, da sie schlichtweg zu klein war.  „Aber wir haben ein Notfallprogram abgesprochen, und es waren immer so nette Passanten im Zug, die meiner Tochter halfen – es hat von Anfang an geklappt“, erzählt Jenny. Die Schulratspäsidentin hatte ausserdem einen Brief an die RhB geschickt mit dem Foto der Kleinen und der genauen Informationen, wann sie im Zug unterwegs sein würde, und dieser wurde an alle Kondukteure auf der Strecke zwischen Preda und Bergün weitergeleitet. „Das Zugpersonal der RhB übernimmt selbstverständlich keine Verantwortung, aber sie sind über den Schulweg von Joline informiert und helfen vorbildlich, dass Joline am richtigen Ort aussteigt und sich im Zug wohl fühlt“, berichtet sie, und für diesen Einsatz ist der Schulverband der Rhätischen Bahn sehr dankbar. So wird Joline seit ihrem 1. Kindergartentag von den Kondukteuren begrüsst, wenn sie morgens in Preda in den – immer gleichen – Wagen steigt. In Bergün holte die fünf Jahre ältere Ricarda Joline während ihres ersten Jahres jeden Morgen am Bahnhof ab und ging mit ihr gemeinsam zur Schule – das Problem „Weg ZUM Kindergarten“ war somit gelöst.

Bergüner organisieren „Abhol-Dienst“

Was blieb war der Heimweg, Joline musste ja auch jeden Tag wieder auf den richtigen Zug heimwärts nach Preda, keine einfache Aufgabe für eine Fünfjährige in Bergün, wo im Winter mit den Schlittlern grosser Trubel auf dem Perron herrscht. Aber auch hier zeigte sich der Bergüner Schulrat erfinderisch: man organisierte, dass Joline täglich von einer erwachsenen Person im Kindergarten abgeholt und sicher auf den Zug gebracht wird. Anfangs war es gar nicht so einfach, jemanden für die Begleitung der Fünfjährigen zu finden. „Die meisten Leute wollten gerne helfen, aber es fehlte ihnen die Möglichkeit am Mittag insgesamt fast eine Stunde zu investieren. Die jüngeren Mütter haben Kinder, die versorgt werden müssen oder der Mann hat nur kurz Mittagspause“ berichtet die Schulratspräsidentin. Somit ist es vorwiegend eine Mutter mit noch ganz kleinen Kindern, die Joline begleitet, ansonsten sind es Frauen, die schon pensioniert sind oder sonstwie Zeit haben. Mama Jenny weiss immer Bescheid, wer gerade „Abhol-Dienst“ für ihre Tochter hat, so kann sie notfalls auch mal telefonieren, falls sich eine Änderung ergibt. Für die Begleitung gibt es jeweils einen Fünfliber – diesen, sowie das Zugbillett, welches Joline braucht, das sie ja ohne erwachsene Begleitung unterwegs ist, bezahlt der Schulverband Filisur – Bergün, so wie er ja auch den Schulbus für die anderen Kinder bezahlt, so ist es im Schulgesetz verankert. Nach über einem Jahr kann der Bergüner Schulrat inzwischen auf mehrere instruierte „Abholer“ zurückgreifen, die auch mal spontan einspringen wenn Not am Mann ist: „ Wir finden es sehr schön, dass es doch einige Personen gibt, die helfen – und dies nicht fürs Geld!“

Kleines Mädel ganz gross

Jolines Schulweg käme bei den „gefährlichsten Schulwegen der Welt“ sicher nicht unter die Top 10 – aber aussergewöhnlich und aufregend ist er allemal. Inzwischen meistert die Sechsjährige ihren täglichen Weg so gut, dass sie seit diesem Kindergartenjahr morgens nicht mehr in Bergün abgeholt werden muss: Nun holt sie auf dem Weg vom Bahnhof zum Kindergarten ihre Freundin Maja ab, und die beiden gehen das letzte Stück bis zum Schulhaus gemeinsam. Aus dem schüchternen kleinen Mädel ist eine aufgeweckte Vorschülerin geworden, die inzwischen was Zugfahren angeht schon ein echter Profi ist: Wenn sie zu Freunden nach St.Moritz geht, fährt sie die Strecke von Preda ganz alleine. Und ab August kann sie sich dann als „Zug-Begleiterin“ beweisen: Dann beginnt für ihren kleinen Bruder Nik ebenfalls der Kindergarten in Bergün.

(Bild: Joline an ihrem 1. Kindergartentag / Jenny Oberli)