Die Prättigauerin Anja Conzett hat ihre fixe Zukunft mit gesichertem Einkommen für ein Jahr auf dem Bau eingetauscht. Entstanden ist ein Buch, welches aktueller nicht sein könnte.

Vor allem im Sommer ist das Thema Lohndumping in aller Munde und dank den vielen Baustellen in der ganzen Schweiz leider auch trauriger Alltag.

Das Promosheet zum Buch verspricht spannende Lektüre:

«Stundenlöhne von 12 Franken mitten in Zürich, polnische Bauarbeiter, die in Bern horrende Mieten für eine Matratze im Abbruchhaus bezahlen. Frustration bei amtlichen Kontrolleuren. Wut, Angst und Enttäuschung bei Schweizer Bauarbeitern. Generalunternehmer, welche die Situation auf dem Bau mit dem Wilden Westen vergleichen. Bauherrinnen, die amtlichen Beistand vermissen. Arbeitgeber, die teils die Abschaffung der Personenfreizügigkeit, teils einen Ausbau der flankierenden Massnahmen fordern. Lohndumping ist in der Schweiz längst nicht mehr nur eine Herausforderung für die Grenzregionen, sondern grassiert auch auf den Baustellen der Schweizer Ballungszentren.»

Die Journalistin Anja Conzett geht dem Phänomen und seinen Ursachen nach – auf Baustellen, in Unterkünften, in Konferenzzimmern, in Gewerkschaftsbüros und am Stammtisch. Die dabei entstandene journalistische Feldstudie kartografiert eine weite und unübersichtliche Grauzonenlandschaft.

Die Reportagen, Porträts und Interviews erzählen von ebenso vielen Realitäten wie Protagonisten, von streitenden Partnern, einer Behörde, die sich der Verantwortung entzieht, und einer Gewerkschaft, die sich im Kampf gegen den Rest der Welt wähnt.

Wir wollten es genauer wissen und sprachen mit der Neoliteratin.

Dein erstes Buch zeigt Brennpunkte auf. War Prosaliteratur für dich kein Thema?

Nie.

Wie ist dein familiärer Bezug zur Baubranche?

Ich entstamme nicht aus einer Baufamilie. Mein Grossvater war Dachdecker, bis er sich den Rücken ruiniert hat, aber das war’s auch schon mit den Bauberufen in der näheren Verwandtschaft.

Wie wurdest du in der Männerdomäne Bau empfangen?

Ähnlich wie in all den anderen Männerdomänen, durch ich mich bislang manövrieren musste auch. Teilweise freundlich und unterstützend, teilweise mit Vorbehalten, aber neugierig, teilweise auch offen feindselig und von oben herab.

Inwiefern verändert dein Buch die Lohnverhältnisse im Baubereich?

Es war nie das Ziel des Buches, pfannenfertige Lösungen zu präsentieren. Es ist eine Bestandaufnahme. Aufklärung alleine ändert noch nichts, aber im besten Fall liefert sie eine Basis, auf der Veränderungen fussen können.

Wie waren die bisherigen Reaktionen auf dein Buch?

Positiv. (siehe Medienberichte auf der Homepage des Rotpunktverlags)

Was sind deine nächsten Ziele?

Ich beginne im Herbst ein zweites Studium an der Universität Zürich – Soziologie.

Wird es ein weiteres Buch geben?

Vorläufig konzentriere ich mich auf meine Engagements als freie Journalistin für das Hochparterre, die Schweizer Illustrierte und die Südostschweiz, sowie meine Lehrtätigkeit im Freifach Journalismus an der Evangelischen Mittelschule in Schiers.

 

(Bild: Twitter Anja Conzett/Rotpunkt-Verlag)