Camping-Ferien haben etwas Nostalgisches. Das WLAN-Netz ist so schwach, dass es sich nicht lohnt. Warum auch? Am Camping-Kiosk lädt die ‚Bild‘ ein, sich auf der Bungalow-Veranda beim Frühstück darüber zu informieren, was unsere grossen Nachbarn im Sommerloch beschäftigt. Da sind die 100 Flüchtlinge, die in Deutschland ein Schwimmbad übernommen haben. Gleich daneben verrät Jürgen Drews zu seiner Silberhochzeit das «Geheimnis der ewigen Liebe». Ein Albaner, der nach Abweisung seines Asylantrags das ‚eigene‘ Flüchtlingsheim abfackelt, dann die Hitformel der «Amigos» und ein Bericht über die Erleichterung, dass der Zug-Schubser mehr verrückter Mörder als kulturell geleiteter Eritreer war.

Ein bunter Mix von seichter Unterhaltung und Auswüchsen einer Fremdenpolitik, die die Journalisten verzweifelt einzuordnen versuchen. Zwischen schönfärberischer Relativierung und wutenbrannten Hasskommentaren ist alles dabei. Wie ein Versuch, das komplette Meinungsspektrum aus der Online-Welt auf ein paar Seiten Papier zusammenzufassen.

Ich lese, dass sich jeder zweite Deutsche im eigenen Land nicht mehr sicher fühlt. Und dass der deutsche Fussball gegen Rechts kämpft, zum Beispiel mit KZ-Besuchen für Spieler und für Fans. Auf derselben Seite wird ein ehemaliger Nationalspieler (namens Owomoyela) wegen einer Hitler-Imitation abgestraft. Und gleich daneben berichtet die Bild, dass ein «14-jähriger, streng religiös erzogener und bereits dutzendfach vorbestrafter kurdischer Junge» in einem Münchner Schwimmbad eine junge Deutsche vergewaltigt hat.

Eine Achterbahn der Gefühle, irgendwo zwischen säuselnd nostalgischen Verdrängungsstorys fürs Herz und der brutalen Realität von Geistern, die vor nicht allzu langer Zeit vom Leuchtturm des europäischen Mehrstaatenkonstrukts gerufen wurden.
Sicher scheint nur, dass in Deutschland nichts mehr sicher ist. Zumindest gefühlt, weil die Straftaten insgesamt ja zurückgehen, wie ein anderer Bericht fast schon trotzig konstatiert.

Auf unserer Veranda – notabene im Land, in dem Salvini poltert, Schwarzafrikaner wie eh und je am Strand Uhren verkaufen und die Deutschen friedlich den blitzblanken Camping-Platz bevölkern – fühlt sich das alles wie ein surrealer Albtraum an. Höchste Zeit, das Boulevard-Blatt wegzulegen. Das Meer ruft. Als Feriengast lässt es sich hier gut leben. 

 

(Bild: GRHeute)