Es wird Zeiten für Optimismus beim HCD geben. Diese Zeiten sind nicht jetzt.

 

Ich sehe mich selbst als Optimisten. Als Glass-halb-voll-Typ.  Ich versuche normalerweise darauf hinzuweisen, dass Eishockey Geduld braucht, dass es ein komischer Sport auf rutschigem Untergrund ist. Dass eine Saison lange dauert und viele Teams mal eine Durststrecke von 10 Niederlagen in 13 Spielen haben können. Oder dass die Erfahrung zeigt, dass Stamm-Spieler, die unterdurchschnittliche Werte haben, irgendwann wieder auf ihr Level zurückkommen. Oder dass das Boxplay nicht ewig schlecht sein kann. Oder dass ein ehemaliger NHL-Goalie nicht der zweitschwächste Goalie der National League A sein kann. Oder das eine tiefe Trefferquote sich irgendwann normalisieren wird.

 

Ich könnte solche Sachen schreiben. Das ist schlussendlich das, was ein Optimist schreiben würde. Aber heute fühle ich mich nicht nach Optimismus. Heute, nach zwei weiteren bitteren Niederlagen, wo Lugano schwach spielte, und beide Partien gegen den HCD doch mit insgesamt 11:3 klar gewann, lass ich mal meinen statistischen Frust raus. Genug Schönrederei. Die Krise ist real. Ein paar Auszüge, die aufzeigen, wie dramatisch die Situation zur Zeit im Landwassertal ist (alle Zahlen stammen von sihf.ch oder von Micha Hofer auf Tableau Public):

 

1.     Davos hat eine Boxplay-Quote von 84.31%. Rang 7 von 12 Teams. Ok. (Das ist noch die beste Statistik, die ich zitieren kann…)

 

2.     Davos hat eine Trefferquote von 6.25%. Rang 11 von 12 Teams. Der HCD schiesst aus ungünstigen Lagen, hat weniger High-Danger-Shots und dementsprechend eine sautiefe Trefferquote.

 

3.     Anders Lindbäck hat eine Fangquote von 88.62%. Rang 14 von 15 NL-Goalies. Und auch Gilles Senn war bisher bei 3 Einsätzen ein grosser Unsicherheitsfaktor. Das Goalie-Problem ist noch grösser geworden als im Vorjahr.

 

4.     Davos hat eine Trefferquote von 1.77 Goals/Game. Rang 11 von 12 Teams. Gerade mal 23 Tore erzielte der HCD bisher in 13 Spielen, weniger als 2 pro Spiel.

 

5.     Davos hat eine Gegentrefferquote von 4.00 Goals/Game. Rang 12 von 12 Teams. Das zweitschlechteste Team (Rappi) erhält 2.92 Gegentreffer pro Spiel, sprich mehr als einen Treffer weniger… zum Vergleich: Nur ein einziges Team hatte in diesem Jahrzehnt einen schlechteren Wert: Die Lakers 2013/14. Die St. Galler stiegen nach der Saison notabene ab.

 

6.     Der HCD hat eine Strafen-Differenz von -17. Rang 12 von 12 Teams. Am drittmeisten Strafen kassiert, am wenigsten rausgeholt. So definiert man undiszipliniert.

Penalty Differential HCD 2018

 

7.     Der HCD hat einen Corsi 5v5% Wert von 47.57%. Rang 10 von 12 Teams. Davos hat am drittwenigsten Schussanteile der gesamten Liga.

Corsi Statistik HCD 2018

 

Und das berücksichtigt noch nicht mal die Art der Schussabgabe, denn…

 

8.     Der Shottracker kommt zu einem harten Urteil für den HCD: Die Schussqualität des HCD ist unterirdisch. Der HCD schiesst praktisch nur von der blauen Linie oder von weit ausserhalb des Slots, der Gegner wiederum kommt konstant zu hochkarätigen Abschlüssen vor dem Davoser Tor. Ein Vergleich der beiden Heatmaps ist besorgniserregend: Welches Team wärst du lieber?

 Shottracker des HCD Shottracker der HCD Gegner 2018  
 

9.     Die Davoser Ausländer haben in kumuliert 40 Spielen 5 Tore erzielt. 5. Shane Prince hat bisher 5 Skorerpunkte auf dem Konto, Maqnus Nygren 4, Perttu Lindgren und Anton Rödin eine fette 0.

 

10.   Die Bündner Stammspieler haben in kumuliert 42 Spielen 4 Tore erzielt. 4. Dino Wieser hat noch keinen Treffer (immerhin 6 Assists), Enzo Corvi hat 2 Tore und 3 Assists, Ambühl 2 Tore und 2 Assists, und Marc Wieser hat in 13 Spielen gerade mal einen einzigen Assist gesammelt.

 

Die schwächste Defensive, die zweitschwächste Offensive, wenige, schwache Schüsse aus schlechter Position, schwacher Goalie, unterdurchschnittliches Boxplay, viele Strafen, wenig Schussanteil, wenig Produktion der einheimischen Stammspieler und schlecht performende Ausländer. Arno Del Curto hat einiges zu tun. Da muss man nicht nur von einer Baustelle reden, sondern von einer echten Krise.

 

Es ist gefährlich, wenn der HCD von einer mentalen Blockade oder von Pech spricht. Es ist gefährlich, wenn die offiziellen Mitteilungen konstant Schönrederei betreiben.

 

 

 

 

 

 

 

Wake up. Der HCD hat nicht mehr Pech und der Gegner nicht mehr Glück. Die Schiris sind nicht schuld, und Phrasen wie „wir müssen die Scheibe mehr aufs Tor bringen“, „wir müssen dahin wo’s wehtut“, und „wir müssen hinten besser stehen“ holen den HCD nicht aus der Krise heraus.

 

Der HCD macht keinen guten Job beim Toreschiessen und macht keinen guten Job beim Tore verhindern. Die Defense ist porös, die Goalies sind kein Rückhalt. Die Special Teams sind keine Stärke, der Gegner kontrolliert die Scheibe bei 5v5 massiv besser.

 

Schmerzhaft zu sehen, wie Davos auseinanderbricht

 

Und das Schlimmste: Das Team fällt bei Niederlagen regelmässig auseinander: 0:7, 3:7, 0:5, 1:6… acht von 10 Partien verlor der HCD mit drei oder mehr Gegentreffern Unterschied. Kanterniederlagen, die man in den letzten zwei Jahrzehnten im Landwassertal so nicht erleben musste. Kampfgeist sieht anders aus.

 

Ab und zu kann ein Optimist auf eine Niederlagenserie zeigen und sagen: „Es fehlt nur wenig. Ein, zwei Mal etwas mehr Glück und aus einem 3-10 Record wird ein 7-6 Record.“ Das ist beim HCD nicht der Fall. Der HCD muss ehrlich gesagt glücklich sein, wenigstens drei Spiele bisher gewonnen zu haben. Davos ist näher an einem 1-12 Record als an einem 7-6 Record.

 

Als Optimist würde ich sagen: Die ersten Wochen einer Saison sind meist etwas hektisch. Teams haben neue Kader, neue Systeme werden ausprobiert, und die Spieler sind noch nicht im Rhythmus. Aber der Absturz, den der HCD diese Saison bisher erleben musste, kann nicht auf Start-Schwierigkeiten abgeschrieben werden. Der Absturz zeigt die Krise in seiner wahren Form: Der HCD kämpft um die rote Laterne, und die Playoffs sind in weiter Ferne.

 

Bereits in den Playoffs letztes Jahr gegen Biel wurde offenbart, dass Davos nicht das Spiel macht, sondern vom Gegner dominiert wird. Rückblickend muss man sagen, dass die letzten beiden Saisons trügerisch waren: Aufblühende Einzelspieler konnten das Defizit des gesamten Teams verbergen. Doch jetzt, wo die (einheimischen und ausländischen) Einzelspieler nicht mehr über sich herauswachsen, zeigt die kritische Lage ihr hässliches Gesicht.

 

Bisher wurde viele Worte der Geduld gepredigt. Es wurde von einer mentalen Blockade gesprochen, von einem Knopf, der sich lösen muss. Ich bin normalerweise auch einer, der versucht, einzelne Resultate nüchtern zu betrachten. Kleine statistische Grössen zu ignorieren. Diese Zeiten sind vorbei: Wenn der HCD nicht in bald aufwacht, heisst die Realität nicht mehr „Playoffs erreichen“, sondern „Ligaerhalt schaffen“. Es wäre der schwächste HCD in den letzten 30 Jahren.

 

Del Curto sollte nicht hinterfragt werden. Sein System aber definitiv.

 

Ein Trainerwechsel wäre meiner Meinung nach falsch. Arno Del Curto ist immer noch ein Top-Coach. Er hat nicht vergessen, wie man erfolgreich Eishockey spielt. Er ist immer noch der richtige Mann an der Bande. Zurzeit gibt es definitiv keine bessere Trainer-Alternative auf dem Markt. Del Curto ist nicht das Problem. Aber sein System muss hinterfragt werden: Die Special Teams sind seit Jahren kein Erfolgsfaktor, der Zug zum Tor fehlt, die Schüsse von der blauen Linie haben wenig Wirkung, Net-Front-Presence ist im wahrsten Sinne ein Fremdwort, die Auslösungen wirken hektisch und ungenau, Dump and Chase funktioniert überhaupt nicht, die Verteidigung läuft ein ums andere Mal in Konter. Gut möglich, dass die anderen Teams nach 20 Jahren das System von Del Curto durchschaut haben. Der Engadiner ist immer noch der richtige Mann an der Bande. Aber auch er muss ernsthaft über die Bücher und sein Spiel komplett hinterfragen, analysieren und erneuern. Unterhaltsame Interviews und Kultstatus reichen jetzt nicht mehr.

 

Das Problem: Die Personen, die beim HCD die Entscheidungen fällen, haben im letzten Jahrzehnt schon mehrere Krisen erlebt. Sie denken wahrscheinlich, dass sich der HCD auch dieses Mal rauskämpfen kann. Es fehle ja nur ein bisschen Glück. Sie haben dieses Team schon oft erfolgreich gesehen und erlebt. Und sie denken wahrscheinlich, dass es momentan keine Reaktion braucht, um den HCD aus dieser Krise zu heben. Aus einer Krise, in der der HCD in so ziemlich jeder Statistik ligaweit zu den schwächsten Teams gehört. Sie denken, es kann nur aufwärts gehen und mit ein wenig mehr Glück werde dies auch geschehen.

 

Ich frage mich nur: Ist diese Einstellung immer noch eine gute Idee?

 

Zu den «Instant-Reaktionen» nach der Lugano-Niederlage vom Samstagabend gehts hier. 

 

(Bild: HCD Twitter, Stats: Micha Hofer Tableau Public, SIHF)