Die 1.-August-Ansprache des Bündner alt-Regierungsrats Christoffel Brändli  (ursprünglich am Corona-bedingt abgesagten 1. August-Fest in Grüsch geplant).

 

Liebe Prättigauerinnen, liebi Prättigauer
Geschätzte Mitbürgerinnen und Mitbürger

Als ich angefragt wurde, ob ich heute hier auf Danusa ein paar Worte an Sie richte, habe ich spontan zugesagt. Das, weil die heutige Feier etwas Besonderes ist:
Die Danusabahnen nehmen dieses Jahr mit dem neuen Sommerbetrieb auch die Tradition von Augustfeiern wieder auf. Das allein ist Grund zum Feiern.

Ich soll aber nicht darüber sprechen, sondern zur 1. August-Feiern.

Zur Geburtstagsfeier unseres Landes, der Schweiz.

Geburtsfeiern und Trauerfeiern haben etwas gemeinsam: Man erwähnt in der Regel nur das Positive. Ich werde dies auch tun, will aber versuchen, auf einige Punkte hinzuweisen, die wir beachten müssen, wenn wir in rund 20 Jahren mit Freude das 750-Jahr-Jubiläum unseres Staates feiern wollen.

Wenn man die Geschichte der Schweiz konsultiert oder in Reden der Bundesräte und Bundesrätinnen der letzten Jahrzehnten nachliest, findet man einen ganzen Strauss von Werten, welche die Entwicklung der Schweiz geprägt haben: Bundesrat Tschudi wies auf die zentrale Verpflichtung im Bundesbrief, keine fremden Richter zu dulden, hin. Grundlagen unseres Staatswesens bilde die Freiheit und Unabhängigkeit des Landes.

Sodann wird immer auf die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger hingewiesen, gegenüber seinen Mitmenschen, aber auch gegenüber dem Staat. Solidarität gegenüber den Mitmenschen, die unverschuldet in Not geraten sind. Aber auch das Bewusstsein, dass man in einem Staat nicht mehr verteilen kann, als man erarbeitet, war immer wichtige Leitschnur unserer staatlichen Gemeinschaft.

Die Begriffe «Freiheit, Unabhängigkeit, Offenheit, Eigenständigkeit, Solidarität, Selbstverantwortung, direkte Demokratie und Ähnliches» prägen unsere Geschichte und heute Abend wohl die meisten Augustreden, von rechts bis links. Alles paletti, weiter so, ist man geneigt aufzurufen!

Wenn sich die heutigen August-Reden-Politiker im Alltag daran halten würden, so könnten wir getrost in die Zukunft schauen. Wenn wir den heutigen Alltag an diesen Begriffen messen, kommen Zweifel auf, ob wir diese Werte heute noch mit ganzem Herzen leben.

Vieles hat sich nicht zum Positivem gewendet: Unsere Unabhängigkeit ist zunehmend ins Wanken geraten. Wir sind bereit, viele Werte für auch kleine wirtschaftliche Vorteile über Bord zu werfen. Eigennutz statt Gemeinschaftsnutzen bestimmt heute immer mehr den Weg. Die Probleme häufen sich dadurch ständig.

Dazu einige Beispiele: Unser Verhältnis zu Europa. Immer wieder wird uns gesagt, dass wir EU-Diktate aus wirtschaftlichen Gründen akzeptieren müssen. Dabei haben sich unsere Exporte in die EU, die vor 25 Jahren noch rund zwei Drittel der im Ausland verkauften Ware ausmachten, auf unter 50, bald 40% reduziert. Im Interesse unseres eigenständigen Staatswesens gilt es deshalb, gegenüber der EU auf Augenhöhe und mit der nötigen Härte unsere Interessen durchzusetzen. Wir dürfen uns vor der EU nicht bücken, wir müssen der EU als mutiger und eigenständiger Partner begegnen.

Oder die Umweltpolitik: Es ist unbestritten, dass unsere Lebensqualität entscheidend davon abhängt, ob es uns gelingt, die Belastungen unserer Umwelt zu reduzieren. Das Bundesamt für Statistik hat prognostiziert, dass unsere Bevölkerung in den nächsten Jahren auf bis zu 11 Mio Einwohner – vor allem ältere Einwohner – ansteigen wird (gestatten sie mir eine Nebenbemerkung; kürzlich hat jemand in einem Leserbrief gesagt, die 10 Mio Schweiz sei ein Hirngespinst der SVP – das ist dummes Zeug, Fakt ist, dass diese Zahl vom Bundesamt für Statistik stammt).

Dabei ist klar: Die Zunahme der Bevölkerung ist weltweit, aber auch bei uns eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit. Wir brauchen eine Politik, die in diesem Bereich klare Grenzen setzt, sonst wird unser Staat sehr rasch an die Grenzen stossen. Wir sollten Sorge tragen zu unserem Land, wir müssen den Verkehr in vernünftige Bahnen lenken, wir müssen unseren Schülern optimale Weiterbildungsmöglichkeiten bieten – nicht in «multikulturellen Ausbildungsformen», sondern in bedürfnisgerechten Institutionen, wir müssen die heute arg gefährdete Altersvorsorge wieder auf sichere Beine stellen, wir müssen wieder Freiheit leben können statt den Staat so aufzublähen, das er jede unserer Bewegungen lenkt und kontrolliert.

Und vor allem: Wir müssen aufhören, Entscheidungsbefugnisse an internationale Organisationen (EU, UNO u.a.) abzutreten. Wir müssen selbst bestimmen können, wohin es gehen soll, wenn wir das «Wunder Schweiz» auch zukünftigen Generationen in einem lebenswerten Zustand übergeben wollen.

Noch ein Wort zur Solidarität: Die Schweiz als leistungsfähiges Land muss sicherstellen, dass sie Armut verhindert. Armut im eigenen Land, aber auch Armut in den schwächsten Populationen dieser Welt. Es kann nicht sein, dass wir einfach zuschauen, wie Kinder in Entwicklungsländern verhungern, während wir in fast unbegrenztem Wohlstand leben. Die Schweiz hat hier einen wichtigen humanitären Auftrag.

Das ist kein Widerspruch zu dem, was ich vorher sagte. Ich will eine Schweiz, die positive Werte lebt und eigenständig den Wohlstand, den unsere Vorfahren erarbeitet haben, weiter entwickelt. Eine offene Schweiz, die eigenständig auch ihre Verantwortung gegenüber der Welt wahrnimmt.

Liebe Festgemeinde, dies sind nur einige wenige Punkte, die uns zum Nachdenken zwingen und zur Anpassung des Irrweges, den wir heute teilweise gehen. Dies scheint mir notwendig zu sein, wenn wir und unsere Nachkommen auch beim erwähnten 750. Jubiläum in rund 20 Jahren stolz auf unsere eigenständige, unabhängige Schweiz blicken sollen.

Ich wünsche Ihnen nun noch einen schönen Abend «auf Danusa» und bald wieder ein Wiedersehen da oben. Vielen Dank.