Wirklich gute Pizzoccheri herzustellen braucht nicht viel und ist doch eine Kunst: Die Buchweizennudeln wollen mit Wirsing, Kartoffeln, viel Käse und Butter zu einem lukullischen Gedicht vermengt werden. Zumindest wenn man der Accademia del Pizzochero glaubt. Oder dem kleinen aber feinen Restaurant in Poschiavo, hinten rechts. Dort, am Bach.  Meinem grössten Laster, der Völlerei, sind solche Gerichte enorm dienlich; schön buttrig und ends geschmacksvoll isst es sich am besten. Und doch: Es so hinzukriegen, bleibt ein kunstvolles Handwerk!

Ähnlich verhält es sich mit der Integration in der Bündner Volksschule, die nach dem komatösen Sommerschlaf ja eben erst wieder zu Leben erwacht ist. Die Integration lebt seit ein paar Jahren, da ein bisschen besser, da ein bisschen schlechter vor sich hin. Engagierte Ermöglicher treffen auf engagierte Verhinderer. Da ein gutes Beispiel, dort ein Tamtam. Und immer wieder plakative Beispiele für Pro und Contra. Hinter vorgehaltener Hand, und immer öfter auch ohne sich zu genieren, wird sie gerne kritisiert, die Integration. Wie wenn sonnenklar wäre, was das eigentlich ist. Die Kritik erhält vor den Sommerferien gar noch leichten Aufwind: Der ehemalige oberste Lehrer spricht in einem wirklich sehr sympathischen Auftritt im Tele Züri (ich könnt den knuddeln!)  fast schon salopp von der gelingenden Formel des Integrierens und Separierens und von denen, die halt aus dem Unterricht genommen werden müssten. Soll man es den anderen Schulen gleichmachen? Alle Schwierigtuer ab auf die «Insel»? Stunden-, tage- oder wochenweise? Zemp meinte wohl nicht Malle oder Korsika, eher sprach er von einem betreuten Auffangraum im Schulhaus. Ich sehe sie vor mir,  Räume, die bald schon die Ausmasse von Aulen annehmen werden, in denen die Störer, die Devianten, die Abnormen, Krethi und Plethi – halt die, die nicht ins Programm passen und bei denen das bürgerliche Herzchen gar bald mal etwas höher zu schlagen beginnt – im Vorhof der Bildungspaläste betreut werden. Wahrscheinlich von einem dieser raren Heilpädagogen im Lande. Oder einem gestrandeten Zivi. Oder von Alain Guggenbühl persönlich. Stellen Sie sich die Gaudi einmal vor!

Nun sind wir hier bekanntlich nicht in der mittelländischen Schulinselkultur angekommen. Nein, Bündens Schulen integrieren noch. Wahrscheinlich ganz so, wie sich das Integrationspapst und Alt-Regierungsrat Claudio Lardi einst vorgestellt hat. Seine Vision war aber keine: Der Mann hat wohl vielmehr sein geliebtes Poschiavo aufmerksam beobachtet und clever erkannt, dass die Dorfschule in der Peripherie den Zentren trotz anzunehmender Rückständigkeit eine Nasenlänge voraus ist. Man hat halt in Bündens Südtälern und in so manch anderem Dorfe schon immer alle beschult. Weil man das halt so macht. Oder machen musste. Ohne es Integration zu nennen, mit einer ermöglichenden Grundhaltung. Nur etwas haben die ersten Integrationslancierer nicht bedacht: In den pseudo-urban vielbevölkerten Gemeinden dem Rhein entlang funktionieren diese Ideen so nicht mehr. Der Integrationsauftrag wurde den Schulen aufgebürdet, zurecht wie ich finde. Man hat sich aber weder um Kultur- noch um Strukturfragen gekümmert, hat die Schulen dahingehend in keiner Weise weiterentwickelt. Wenn also langsam aber sicher die Forderungen über eine Überprüfung der Integration in der Volksschule laut werden (und das werden sie!), ist das berechtigt. Nur: Ein sorgfältiger Blick auf den Evaluationsgegenstand wird bald einmal zeigen, dass es ohne strukturelle Änderungen nicht gehen kann. Von der Schul-Kulturarbeit mal ganz zu schweigen. Oder wie sagte Peter Drucker einst: «Culture eats strategy for breakfast».  So gesehen schafft es die Integration nicht mal bis zu den mittäglichen Pizzoccheri. Schade eigentlich. Wir dürfen aber gespannt sein ob der themenspezifischen Polemik unserer MilizpolitikerInnen. Dabei fordert ja niemand Perfektion. Aber Weiterentwicklung.

Sollten Sie selber mal wieder das Armeleuteessen kochen wollen, finden Sie in 7742 Poschiavo, am Churer Obertor oder online eine Gewürzmischung (nur diese eine!), die ihr zweitklassiges Gericht in eine himmlische Gaumenfreude verwandeln wird. Molto gustoso! Sollten wir uns über den Weg laufen, verrate ich Ihnen den Namen des Pulvers. Ansonsten suchen Sie selbst. Bleibt am Ende nur zu hoffen, dass Graubündens Schulen ihre Gewürzmischung noch entdecken. Und sich endlich die diesbezügliche Leichtfüssigkeit der Puschlaver KollegInnen abkucken.

PS: Mein Campingnachbar in Wollishofen ist fünfzig, glatzköpfig und Federerfan. Er kuckt das Wimbeldonfinale vor seinem halb abgefrackten Wohnwagen an der Stadtgrenze, den er seit der Scheidung sein Zuhause nennt. Ein modefreier Zürcher Oberländer, der sich allabendlich von Migros-Steak-Aktionen, Turbinenbräu und Alicesalat ernährt. Djokovic nennt er lautstark eine verdammte Sau. Dabei kickt er mit dem Fuss unablässig in seinen Camper. Am Morgen danach macht er sich mit dem Töffli wieder an die Büez. Buchhalter.