Meine Kinder haben das Schachspiel von mir erlernt. Wobei ich es als Kind nie er lernt hatte. Ich habe es mir erst vor kurzem angeeignet, autodidaktisch mit Schwester Youtube. Dachte aber, ich hätte genug Reserven, um noch lange gegen die zwei Kurzen zu gewinnen. Quasi als kostenschonendes Selbstbestätigungsangebot für geplagte Erwachsene.
«Schaaaaaach – matt!»: Beim ersten Mal dachte ich an ein Versehen. Vielleicht eine Regelverletzung. Einen Zufall, grosses Pech halt! Aber dieses «Schaaaaaach – matt!» schallt mir immer häufiger entgegen, schnarrt in meinem Ohr, bald schon bei jedem neuen Spiel. Wobei die Kleinen das A beim ersten Wort unglaublich lange betonen, beim zweiten allerdings viel zu knapp halten, dafür das Doppel-T massiv überakzentuiert zum Besten zu geben. Es klingt jedenfalls schrecklich herablassend. Fast schon lustvoll sadistisch, als würde es ihnen Spass machen, ihrem Meister das Verlieren beizubringen. Schrecklich, diese Kinder von heute! Was ich eigentlich erzählen wollte: Ein chinesischer Tourist mit Schirm hat mir kürzlich auf die neuen Schuhe gespuckt. Er sagte nett «sorry», drehte sich wieder zu seiner achtundneunzigköpfigen, auf dem Schwanenplatz zu Luzern stehenden Reisegruppe, zog den Restsabber grunzend hoch und widmete sich wieder der Besichtigungstour. Ich überlegte konstatiert, ob ich es mit ihm aufnehmen soll. Tat ich aber nicht. Ich war alleine. Die waren mehr. Und das Uhrengeschäft daneben brauchte doch das Geld.
Etwas erinnert die Szenerie ihrer Gestalt nach an das tagtägliche Gezanke auf so manchem Schulhof. Einfach ohne den beschirmten Chinesen. Gewalt an Schulen gibt es, seit es Schulen gibt. Die Frage aber ist , welche Regeln des Zusammenlebens heute an Schulen gelten und wie präsent diese Regeln den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sind. Ich mache mir manchmal einen Spass daraus, Kinder zu den Regeln die an ihrer Schule gelten, zu befragen. Natürlich nur zwecks Erkenntnisgewinn! Ergebnis: Meistens wissen sie sehr genau, wo die Finken zu versorgen und die Mäppchen zu verstauen sind. Andere Regeln kennen Sie nicht. Frage: Was sollen Kinder von heute für morgen lernen?
In einer wertepluralen Gesellschaft sind wir wahrscheinlich herausgefordert zu klären, was gilt. Und zwar so, dass es ein Kindergartenkind auch verstehen kann und es bis über die Oberstufe hinaus nicht mehr vergessen wird. Da nützen feierlich unterzeichnete, eingerahmte Plakate mit dreiundvierzig aufgelisteten Regeln eher wenig. Meistens kommt niemandem eine der dreiundvierzig Regeln in den Sinn. Auch den PädagogInnen nicht. Wie kürzen? Die Suche nach pädagogischen Regeln ist immer mit der Frage der Intention verbunden. Welche Ziele gilt es zu erreichen? Mit drei Regeln lassen sich, so meine ich, die drei wesentlichen Gewaltbereiche – physische Gewalt, psychische Gewalt, Vandalismus – an Schulen regeln. Das verstehen dann auch alle. Und ganz nebenbei können so Menschenrechtsverletzungen gerade mitthematisiert werden. Schaden müsste das nicht. Und falls dann doch noch Platz bleibt für die Finken regel, auch gut. Mit der Einführung der Regeln müssen wir jedoch stets deren Übertretung und die damit verbundenen Konsequenzen gleich mitdenken. Das gehört zum Geschäft einfach dazu. Und: Ja, das muss man wollen. Wertschätzend Beziehungen gestalten und konsequent Kante zeigen ist kein Widerspruch!
Als Konsequenz aus den Schachniederlagen spiele ich nun heimlich alleine und seltener mit den Kindern. Wertschätzen tu ich die anders. Den Schwanenplatz meide ich, wann immer möglich. Und meine Finken, ja die Finken, – wo sind denn wohl die Finken nochmal, die waren doch eben noch, …
PS:Allen Frauen wünsche ich einen aktionsreichen, wortreichen, auf klärenden, schönen, herzlichen, schwesterlichen, blühenden Internationalen Frauentag 2019, den Mannen ein gutes Händchen damit und allen zwischen den Geschlechtern den Mut, weiter hin die Lücke zu füllen und für einen Gender-Pole’n’Gap-Equal-Pay-und-sowieso-Day-für-alle-Menschen-Welttag einzustehen!
PSS: Haben Sie zwischendurch auch Fastfood-Gelüste, wollen aber nicht mehr aus dem Haus? Die Lösung: Werfen Sie einen gut gewachsenen Pouletschenkel kräftig über würzt bei 220 Grad Ober- und Unterhitze für 40 Minuten ins Rohr und bereiten Sie eine völlig übertriebene Knoblauchsauce von wässriger Konsistenz zu. Wenn Sie dann noch das Licht dimmen, Herzblutsound à la Mariah Carey durch die Anlage boosten und allerlei Gerümpel in der Wohnung verteilen, fühlt sich das an, als wären Sie bei Soulchicken am Luzernen Löwengraben zu Gast. Schnelles Essen in den eigenen vier Wänden – mit der Extraportion Soul!
(Bild: GRHeute)