Winterzeit ist RSV-Zeit, das wissen alle Eltern von kleinen Kindern. Dieses Jahr ist der Virus stark verbreitet – und bringt das Kinderspital in Chur an seine Grenzen. GRHeute hat mit dem Chefarzt der Kinderklinik, Thomas Riedel, gesprochen.

Thomas Riedel, wie viele RSV*-Fälle hatten Sie diese Saison?
Von Oktober bis Januar hatten wir rund 80 Fälle.

Würden Sie das als starkes oder schwaches Jahr bezeichnen?
Eindeutig als ein starkes. Es gibt zwar jedes Jahr RSV-Fälle, aber wir haben jedes zweite Jahr ein starkes oder eben stärkeres mit sehr vielen Fällen.

Da kommen Sie sicher auch mit den Kapazitäten an die Grenze.
Ja, das ist so. Wir müssen dann, also wenn wir sehr viele RSV-Patienten haben, schon mal zwei oder auch drei Kinder im gleichen Zimmer unterbringen.

Mir ist ein Fall bekannt, wo sich eine Mutter selbst um ihr Kind kümmerte und dabei selbst an ihre Grenzen kam. Ist das Usus?
Dass die Eltern beim Kind im Spital bleiben wollen und sich – in enger Zusammenarbeit mit der Pflege – um ihr Kind kümmern wollen, ist heute sehr häufig der Fall. Das sollte aber nicht dazu führen, dass die Eltern an ihre Grenzen kommen. Deswegen können die Eltern sich immer an die Pflegenden oder die Stationsleitung wenden, um die Situation zu besprechen. Wir empfehlen den Eltern auch, dass sie – sobald sie sich dazu im Stande fühlen – zu sich schauen und auch mal nach Hause gehen sollen; wir geben diese Information auch schriftlich ab. Leider klappt die Kommunikation über diese Möglichkeiten nicht immer so, wie wir uns das wünschen und wie wir es von uns trotz Hektik im Alltag auch erwarten. Umso froher sind wir, wenn uns Eltern entsprechende Rückmeldungen geben. Denn nur so können wir uns verbessern.

Wenn es Kommunikationsprobleme sind, was raten Sie den betroffenen Eltern im Spital? Es können und wollen ja nicht alle die ganze Zeit im Spital sein.
Gehen Sie auf die betreuenden Pflegenden und Ärzte zu; suchen Sie das Gespräch. Es ist uns ein grosses Anliegen, die Betreuung der Kinder so optimal wie möglich zu gestalten. Weil die Bedürfnisse nicht bei allen Eltern gleich sind, sind individuelle Absprachen wichtig.

Eines meiner Kinder war vor 10 Jahren selbst mit RSV im Spital, allerdings im Universitätsspital Zürich. Damals war es gar nicht möglich, im Zimmer zu übernachten. Warum ist das heute anders?
Die Wünsche und die Erwartungen der Eltern haben sich in den letzten zehn Jahren verändert: Heute möchten praktisch alle Eltern die Nacht bei ihrem Kind verbringen und erwarten auch, dass dies möglich ist.

So wie ich das herausgehört habe, kommt das Spital in einem RSV-starken Jahr an seine räumlichen Grenzen. Wird das mit dem Neubau anders?
Ja, wir werden im Bettenhaus M mehr Platz haben. Mehr Platz war einer der Gründe für den Neubau.

 

*Das RS-Virus (Respiratorisches-Synzytial-Virus) ist die häufigste Atemwegsinfektion bei Säuglingen. 1 bis 2 Prozent der erkrankten Kinder müssen wegen Atemnot und ungenügender Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme hospitalisiert werden. In der ganzen Schweiz betrifft das gemäss dem Bundesamt für Gesundheit BAG etwa 1000 Fälle pro Jahr.

(Bild: zVg. Die Fragen stellte Rachel Van der Elst.)

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