Semesterende. Ach, es ist wieder so weit. Die Schule lädt zum Elterngespräch. Eigentlich ist die Formulierung politisch nicht ganz korrekt. Denke ich mir. Weil heute ja nicht einfach so davon ausgegangen werden kann, dass die auf einem Zettelchen (wie anachronistisch!) angesprochenen Adressatinnen und Adressaten auch in der Mehrzahl erscheinen werden. Ich fahre fort mit der javelwasserbasierten Grundreinigung meiner WC-Schüssel. Mein rechtes Auge zuckt. Das Thema lässt mich nicht los: Käme ich alleine, was wäre ich dann? Wohl ist die Mehrzahlform Eltern gebräuchlicher als die Einzahlform, der Bund hat aber bereits 2010 auf das wahre Leben reagiert und schlägt die Schreibweise der Elternteil oder das Elter vor. «Ich – das Elter!», denke ich, muss mich sammeln und schrubbe. Abgesehen davon: Ich gehe jeweils so oder so gerne hin, weil ich den Lehrpersonen meiner Kinder vertraue und mich darauf freue, was sie aus dem Alltag dieser zu berichten wissen.

Früher war das anders. Das nervige am Gespräch zum Semesterende war, dass sich Mama, Papa und die werten Lehrpersonen stets einig darüber waren, was in Bezug auf mich zu tun wäre und was ich zu unterlassen hätte. Damals, Ende der Achtzigerjahre, kam der Trend auf, die Kinder am Gespräch teilnehmen zu lassen. Die Partizipationsform war jedoch von der übelsten Sorte gewählt: dasitzen, anständig dasitzen und Klappe halten. Zur rechten Zeit «Ja!» sagen. Dann wieder: Klappe halten. Auch eine Form der Teilhabe. Ich biss mir jeweils vor Anspannung die Unterlippe wund. Zumindest dann, wenn es heikel wurde. Lieber wäre ich zuhause geblieben und hätte den Erwachsenen das Spielfeld überlassen. Manchmal überführte ich im Geiste die Fachpersonen am anderen Ende des Tisches der Lüge, durfte es aber nicht aussprechen. Das ziemte sich nicht. Man stelle sich den revoltierenden Bengel einmal vor, wie er die Obrigkeit vorführt. In deren eigener Stube! Alle sollte am Tisch das Gesicht wahren können, ausser der Bursche mit den mehr oder weniger ordentlichen Noten, der lausigen Handschrift und der mangelnden Ordnung unterm Pult. Waren Fleiss und Ordnung beschworen, gab man sich die Hand, in der Hoffnung, es komme schon gut. Begleitet von Erwachsenenwitzen, deren Pointen sich mir kaum je erschlossen.

Heute läuft das anders: Gesprächsführungskursen, Sensibilisierungskampagnen, Weiterbildungsangeboten und dem Aktiven Zuhören sei Dank! «Wie halte ich ein Elterngespräch?», fragt die Bachelorabsolventin ihren Masterprof. «Das, liebe Studentin», antwortet er, «lernen Sie nach dem Studium. Währenddessen bleibt dafür leider keine Zeit!». In der Tat, der obligatorische Sommerkurs für Junglehrpersonen wartet, kaum ist der letzte Song der Bachelorparty verklungen. Geführt wird er von anderen ehemaligen Lehrpersonen. Die konnten das früher auch nicht, via Praxis und Erwachsenenbildung haben sie aber dazugelernt. Ja, auch Kommunikation will gelernt sein.

Ich, das Elter, bin vorerst zufrieden mit dem Ausgang der Gespräche 2019. Nur mag ich es nicht, auf viel zu kleinen Stühlen, mit den Knien im Kinn dazusitzen und ernsthaft einen auf Elternteil zu machen. Das geht irgendwie nicht. Das Setting (auch so ein Wort!) stimmt so noch nicht ganz. Da drängen sich Alternativvorschläge auf: Könnte das Gespräch nicht bei uns zuhause stattfinden? So ähnlich wie beim Nikolaus, einfach ohne Suppe, Sack und Bart? Oder in der Dorfkneipe? Dann würde die Nichtraucherzone endlich mal wieder frequentiert und die Wirtin hätte dank des Einkommens ein Auskommen. Oder zeitgemässer via Face Time, jede und jeder im gewohnt sicheren Sozialraum?

Die Vorschläge hören sich bescheuert an. Und dennoch: Der Inhalt dieser Gespräche ist zumeist klar. Fragt sich nur, in welcher Form sie dargeboten werden. Die Form machts! Das ist die Kunst und ganz ehrlich, manchmal eine knifflige Herausforderung. Diese Kunst zur Meisterschaft zu entwickeln, ist eine der vielschichtigen Aufgaben des pädagogischen Bodenpersonals heutiger Tage. Übrigens nicht nur da. Wenn ich die Beschreibungen der Belegschaft so mancher Firmen oder Verwaltungseinheiten anhöre, läuft das bei Führungspersonen im Lande und deren Mitarbeiterbeurteilungsgesprächen nicht besser. Wozu eigentlich der Quatsch? Können sich Erwachsene nicht einfach über ihre Arbeit zielorientiert unterhalten, ohne bei A, B, C oder D ein Kreuzchen zu setzen? Ohne dieses nur Dasitzen, das anständige Dasitzen. Und Klappe halten? Prof. Dr. Lars Vollmer, der deutsche Unternehmer, Vortragsredner und Autor, bezeichnet diese Gespräche als Business-Theater, das Menschen letztlich nur von der Arbeit und vom Denken abhalte. Recht hat er! Und unsere Gesellschaft bringt das auch nicht weiter.

Schulen können heute Gesprächskulturen etablieren, die, wenn gut gemacht, mindestens dreifach wirken: Kinder machen gelingende Gesprächserfahrungen, Eltern fühlen sich ernstgenommen und die Kinder von heute fallen als Erwerbstätige von morgen nicht auf den tradierten Führungsklamauk ihrer Vorgesetzten herein! Weil sie es besser wissen. Weil sie es besser können. Und weil sie sich dagegen entscheiden. Yeah! Ich kümmere mich jetzt weiter um die Grundreinigung besagter WC-Schüssel. Phil Collins jault mit – volle Kanne!

PS: Der Teetipp für kalte Tage: Wild Dian Hong Cha aus den Yunnan-Bergen. Keine Ahnung wo das ist, schmeckt aber gigantisch – anscheinend.

 

(Bild: GRHeute)