Als ich Marc Paganini zum ersten Mal traf, waren seine goldenen Jahre bereits vorbei. Es war irgendwann um 1989 herum, wir waren Teenager, Veränderung lag in der Luft, der kalte Krieg war in seinen letzten Zügen. Es war ein sommerlicher Freitagnachmittag, wir schwänzten die Kanti und genossen stattdessen mit einem Sixpack Calanda Bräu im Churer Stadtpark die Sonne und das Nichtstun. Nicht lange dauerte es, da gesellten sich zwei der «üblichen Stadtpark-Bewohner» zu uns auf die Wiese und schnorrten uns je eine Büchse Bier ab. Sie lächelten, waren freundlich, setzten sich zu uns und nannten ihre Namen. Einer davon war Marc Paganini. Hager, mit Hut und schlechten Zähnen. Schon beim ersten Blick war klar, dass dieser Mann von unzähligen Drogenexzessen gezeichnet war. Paganini war uns vom Namen her ein Begriff, und der sprachgewandte Churer liess auch keine Sekunde verstreichen, um uns seine Erfolge mitzuteilen. «Berlin by Night» war sein Song aus dem Jahr 1985, der ihn für kurze Zeit in den Hardrock-Himmel katapultiert hatte. Mit einem Hit, der auch über die Hardrock-Szene der 80er Jahre hinausging. Es war der Song des Debütalbums der nach ihm benannten Band «Paganini». Die Musik im Stil von «Bon Jovi» traf den Zeitgeist – und weckte Erwartungen.

Mit dem Erfolg drängten sich aber auch die Drogen immer stärker in den Mittelpunkt von Paganinis Lebens. Sein Nachfolgealbum «It’s a Long Way to the Top»erschien 1987 und gefiel mir, auch wenn es von der Kritik als misslungenes Nachfolgewerk auseinander genommen wurde. Paganini hatte auch kommerziell nicht den erhofften Erfolg und verlor seinen Plattenvertrag – in dem Jahr, in dem er als Vorgruppe der weltweit erfolgreichen Mötley Crüe für deren Tournee verpflichtet wurde.

  

Paganini erinnerte sich an diesem Freitagnachmittag bildhaft an die wilden «Rock’n’Roll»-Jahre – damals lagen sie ja nur gerade ein paar Jährchen zurück. Er schmückte gerne und häufig die wohl erlebten Geschichten mit Details aus, schmunzelte dabei wie einer, der nur eben einen kleinen Abstecher von den grossen Bühnen der Welt in seine Heimat machte. Er tat dies charmant, fast schon eloquent und sah sich offensichtlich gerne in der Rolle des bescheidenen Superstars. Sympathisch war es allemal.

Als er einmal seinen Hut abnahm und dabei eine Spritze auf die Churer Stadtpark-Wiese fiel, wurde es uns wohlbehüteten Teenagern dann aber doch etwas mulmig und wir verabschiedeten uns mit dem Versprechen, nochmals zwei Büchsen Calanda Bräu zurückzubringen. Dies taten wir dann auch, aber von Paganini war da schon keine Spur mehr. Ich kann mich noch erinnern, wie unsere Blicke zu den Toiletten wanderten, im Glauben, ihn am ehesten da zu sehen. Aber er war weg, und wir dann auch.

Seine Karriere verfolgten wir dann aber mit grossem Interesse weiter. Schliesslich «kannten» wir den grossen Paganini nun ja. Detox («Entgiften») hiess sein 1990 veröffentlichtes drittes Album, und wir glaubten nur allzu gut zu wissen, was er damit meint. Die Hoffnung, dass er seine Sucht überwunden hat, war aber vergebens – Drogen waren ein ständiger Wegbegleiter Paganinis. Auch musikalisch war Detox zum Wegwerfen, trotz des Songs Time, den ihm gemäss Wikipedia der grosse Prince überlassen hatte. Kurze Zeit später löste sich die Band «Paganini» auf, das Märchen war endgültig vorbei.

Von Marc Paganini hörte man in den kommenden Jahren nicht mehr viel. Als ich ihm später noch einmal in Chur begegnete, erinnerte er sich nicht mehr an den Nachmittag im Stadtpark. 2003 wagte die Band ein Comeback und nahm mit Esoterrorism und Resurrection (deutsch: „Wiederbelebung“) zwei weitere Alben auf, die ich nicht mehr anhörte. Die Zeit von Paganini war endgültig vorbei, auch sein 2007er Album Medicine Man (mit der Band «Viva») und Beiträge auf den Bock uf Rock/Metal-Samples interessierten mich nicht mehr. Er war ein gescheiterter Kurzzeit-Star, der zumindest einen Teil seiner Karriere als Hardrock-Star weit über unsere Grenzen hinaus bekannt war.

Für mich bleibt das Bild des charmanten Geschichtenerzählers, der zeitlebens mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen hatte und dies – zumindest vor 30 Jahren – fälschlicherweise als «wahres Leben eines Rock’n’Rollers» idealisierte. Ein One-Hit-Wonder, in Graubünden mehr geächtet als geachtet.