Der Churer Rosenhügel diente einst als «Galgenbühel», dann verwandelte er sich in den ersten öffentlichen Park der Ostschweiz – und geriet in Vergessenheit. Jetzt wird der Rosenhügel durch das Kunstprojekt «Begegnung» neu belebt – mit einem reichhaltigen Programm und auf nachhaltige Weise.

Der Scharfrichter von Chur erscheint, die Verurteilten seufzen ein letztes Mal auf, die Zuschauer halten den Atem an. Ein Botaniker taucht auf, dann lustwandeln Damen und Herren über die Spazierwege, die bald Ausblicke auf die Stadt ermöglichen, bald zu einer Brunnenhalle oder einem Springbrunnen führen.

Der Rosenhügel ist ein Ort verschiedenartigster Begegnungen: Im Mittelalter diente er als Richtstätte und somit für öffentliche Urteilsvollstreckungen. Um 1850 wurde der «Galgenbühel» auf Initiative des Naturwissenschafters Alexander Moritzi zu einer Parkanlage umgestaltet, aus der gar ein botanischer Garten hätte werden sollen. Doch in den letzten Jahrzehnten wurde es im Park immer stiller.

Bis jetzt. Am Freitag, 1. Juni, und am Samstag, 2. Juni 2018, lädt der Verein Art-Public Chur unter
der künstlerischen Leitung von Luciano Fasciati zur «Begegnung» – und damit zu einem Kunstprojekt, das kostenlos eine vielschichtige Entdeckung des Rosenhügels ermöglicht. Mittels Installationen, Interaktionen, Führungen und Performances wird es möglich, der Geschichte und den Geschichten des Parks zu lauschen, die Grenzen und Übergänge zwischen Natur und Kultur auszuloten, und die vergangenen und künftigen Möglichkeiten der Park-Nutzung zu entdecken.

Requiem, Rosenkranz und Trommelwirbel
Am Freitagabend, 1. Juni 2018 beginnt die «Begegnung» mit einem säkularen Requiem für sieben Stimmen: Von den Fenstern und Balkonen eines parknahen Wohnblocks fügen sich die Stimmen von Efrat Alony, Rea Dubach, Yumi Ito, Rahel Kraft, Lisette Spinnler, Saadet Türköz und Isa Wiss zu Luca Siseras «Deer Haven» zusammen. Im eigens für das Kunstprojekt komponierten Requiem wird das Wesen und die Geschichte des Rosenhügel musikalisch eingefangen und in neuer, auditiver Form wiedergegeben. Am Freitagabend ist in der Churer Kulturbar «Werkstatt» zudem Fatima Dunn zu hören – als «One Woman Orchestra». Installationen und Aktionen, Führungen und Theaterszenen prägen das Programm am Samstag: So lädt der Künstler Remo Albert Alig zu einer Begehung des Rosenhügels, in der sich sein mystisch-philosophisches Schaffen mit dem Wesen des Parks verbindet. Eine Textinstallation des Schriftstellers Tim Krohn ermöglicht eine «Begegnung» mit dem Botaniker und Parkbegründer Alexander Moritzi sowie mit der realen und der imaginären Pflanzenwelt des Rosenhügels. Vera Kappeler und Peter Conradin Zumthor geben am Samstag in der Brunnenstube «halb sichtbare Konzerte für sehr wenige Personen», während Pascal Lampert die Geschichte des Rosenhügels mittels zweier Akteure und einem Gegenstand zum Sprechen bringt – und das ganz ohne gesprochene Sprache.

Isabelle Krieg tritt mit ihrer Stimme, einem schlagenden Herzen, Rosen, einem Seil und vielen Äpfeln auf, während die Kunsthistorikerin Ludmilla Seifert nachvollziehbar macht, wie der Park überhaupt entstanden ist. Das Junge Theater Graubünden führt Szenen aus ihrer Neuinterpretation des «Churer Weltge richtsspiels» von 1517 auf, und schliesslich sorgt der Springbrunnen im Park dank einer Klanginstallation von Peter Conradin Zumthor für ganz besondere Trommelwirbel. Für die Verpflegung wird mittels kulinarischer Mittagsangebote gesorgt, für die Erholung und Entspannung steht eine Lesebank zur Verfügung, wo Literatur zum Park und zur Kunst im öffentlichen Raum zu finden ist.

Nachhaltige Belebung
Die «Begegnung» führt in mehrerer Hinsicht über die ersten beiden Junitage hinaus. So wird Harry Wolfensberger, der Leiter der Freiraumplanung der Stadt Chur, Interessierte nicht nur durch den Park, sondern auch in dessen Zukunft führen. Schliesslich plant die Stadt Chur, den Rosenhügel aufzuwerten, indem der Zugang verbessert und das Areal Hirschbühl in die Parklandschaft integriert wird. Über seine botanischen Pläne für den Rosenhügel informiert zudem der Verein Churer Medizinalgarten, der am Samstag zugleich «Hexenkräuter-Führungen» anbietet. Die «Begegnung» wird zudem nochmals am Freitag, 31. August, und Samstag, 1. September erlebbar sein. Im nächsten Jahr wird die «Begegnung» gar noch ausgeweitet: zum mehrmonatigen Kunstprojekt «Begegnungen». Das Programm der «Begegnung» ist unter begegnung-2018.ch zu finden. Für einige der Veranstaltungen ist aus Platzgründen eine Anmeldung über die Website erforderlich.

 

(Bild: zVg.)