In der Rubrik «Musik jenseits der Berge» besprechen wir in unregelmässigen Abständen Bands, die keinen oder nur einen minimalen Bezug zu Graubünden haben. In der elften Ausgabe haben wir uns mit dem neuen Werk «Chapters» des Zürcher Pop-Stars Nickless auseinander gesetzt.

Ich war vor zwei Jahren am Openair Val Lumnezia und arbeitete dort für die Radiostation toxic.fm, die mich akkreditiert hatte. Gleichzeitig sprang ich noch für GRHeute von Interview zu Interview. Dadurch war ich eigentlich mehr im Medienzentrum als bei meiner Frau vorne, was mir aber nicht wirklich was ausmachte, da es dort einigermassen trocken war.

Es war ein cooles Festival und in einem flinken Moment, entdeckte ich den Newcomer Nickless. Ich hatte zuvor nur beiläufig von ihm gehört und wollte auch nur kurz ein Selfie mit ihm schiessen, um meine Frau vorne ein wenig eifersüchtig zu machen, was mir auch gut gelang. Der Jungspund gab mir sogar noch einen schnellen Selfiekurs. Er meinte, von oben herab geknippst, würden die Bilder ein Stück besser kommen. Es war ein kleiner lustiger Moment und doch würde dies nicht das letzte Treffen von uns zwei bleiben. Ich sah am Lumnezia die Show von ihm und war begeistert, wie er trotz seines jungen Alters, das Publikum sehr gekonnt unterhielt und eine richtige Sause veranstaltete. Für mich war es ein sehr schönes Konzert, dass ich Hand in Hand mit meiner Frau anschaute. Ich kaufte mir auf jeden Fall nach meinem ersten Nicklesskonzert sein Debütalbum und höre es noch heute hin und wieder durch.

Irgendwann im Herbst kündigte die Werkstatt Chur ein Konzert von ihm an. Also führte ich ein Interview mit ihm, was ein wenig in die Hose ging. Es war folgendermassen: Er beantwortete meine Fragen für GRHeute in einer grossen Sprachnachricht, da ich aber zur selben Zeit gerade auf der Dominikanischen Republik in den Ferien verweilte, hatte ich leider keine Möglichkeit, die Fragen auseinander zu schneiden und sie zu veröffentlichen. Das Interview im Rückblick war irgendwie witzig und doch von meiner Seite ein wenig unprofessionell. Nickless nahm es auf jeden Fall sportlich.

Dann organisierte ich die 2017er Ausgabe vom Open Air Malans. Eigentlich war Nickless von Anfang an mein Favorit für den Headlinerslot, doch weil das Lumnezia in im Vorjahr ja drin hatte, zögerte ich lange. Das Organisationskomitee einigte sich auf Jaël, was uns als gute Lösung erschien, bis eines Tages mein Handy klingelte. Es war der Keyboarder Cédric, der mich anrief und das Programm nochmals kräftig auf den Kopf stellte. Sie waren damals im Trio und akustisch unterwegs, weshalb sie neben den anderen Rap- und Rockacts am Open Air wohl untergehen würden, wie er mir es erklärte. Es gab mir ein flaues Gefühl im Magen, doch dann ging mir ein Licht auf. Ich rief am selben Abend bei Gadget an und wollte nachfragen, ob Nickless spontan einspringen würde. Er sagte ziemlich zügig zu und nicht nur mein OK war ziemlich glücklich, auch meine Frau schrieb sich sofort als Helferin im Backstage ein. Eine Woche vor unserem Open Air spielte Nickless noch in Vaduz, worauf ich für Radio L ein ziemlich witziges Interview mit ihm machte. Ein wenig später machte ich auch noch spontan ein neues Interview mit ihm für GRHeute und der Fauxpass vom Vorjahr war wie weggeblasen.

Dann kam endlich das Open Air und ich sprach einige Worte mit ihm. Er war immer sehr unkompliziert, wenn es um Medienarbeit geht, wofür ich Nickless ein grosses Lob aussprach. Es ist nicht selbstverständlich, dass einem Künstler zeitnah retour schreiben, doch bei ihm geht das jeweils sehr zügig und professionell. Ich sagte ihm, er soll diesen Umgang mit Medienschaffenden und Veranstalter unbedingt so beibehalten. Meine Frau und meine Schwester kamen auch noch zu ihrem Selfie mit ihm. Meine Schwester hat es sogar noch heute als Profilbild auf Facebook, was mich immer wieder an das grandiose Konzert am Open Air erinnert.

Als ich im Herbst begann meine Bluemoon Musix Night zu planen, war sofort klar, wer das ganze Fest headlinen wird. Auch hier griff ich rasch zu und verpflichtete meinen, ich weiss nicht, ob ich das schon so sagen kann, Weggefährten. Wie es der Zufall wollte, veröffentlicht Nickless eine Woche vor dem grossen Fest ein neues Album und in dieses habe ich jetzt die grosse Ehre vorab rein zuhören.

Groovin‘
Es startet wortwörtlich ziemlich groovig. Der Song ist verdammt tanzbar und hat eine ziemlich eingängige Hook, was einem beim ersten Mal Durchhören sofort mitsingen lässt. Das wird eine coole Nummer live, die deftig in die Beine geht und sehr viel positive Vibes verstrahlt.

Rosemary
Hier klingt es stark nach Ferien. Eine kleines bisschen Wehmut schwebt in der Luft und doch ist die tragende Melodie ein Aufsteller. Ein süsses Liebeslied an diese Rosemary. Zwischen Melancholie und Aufbruch zu neuen Horizonten.

Sailing back to your Heart
Wow, hier kommt eine ganz starke Radionummer auf uns zu. Feinste akustische Gitarren, ein bisschen Lagerfeuerromantik und dann ab damit in die Heavyrotation bei den Radios. Der Junge kann solche Nummer schreiben, wie kaum ein anderer.

All my Life
Die erste Videoauskoppelung ist bei den Schweizer Radios schon ziemlich populär. Schon gehört?
Falls noch nicht, dann aber dali dali:

 

Chapters
Der Titeltrack des Albums fängt mit einem schönen Piano an. Es ist eine schöne Ballade, die aufbaut und immer mehr mit feinen Facetten ausgestattet wird. Ein Abschiedslied, das in der kalten Jahreszeit Hoffnung stiftet. Ein Song der an Konzerten nach Feuerzeugen oder in der heutigen Zeit nach Handydisplays in der Luft schreit. Ein schaurig schöner Abschiedssong.

Don’t bring me down
Nickless kommt funky und setzt mit seiner Stimme neue Massstäbe. In der zweiten Strophe rappt er fast schon. Das ist ungewohnt, innovativ und neu von ihm. Huara cool und ziemlich schick.

Down Town
Nickless lässt seine Kreativität sprudeln und lässt das Bandfeelin‘ auf diesem Track brillieren. Hier hört man, wie sauber seine Jungs und er zusammenspielen, ohne das jemand von ihnen sein Ego zu stark in den Vordergrund rückt. Sehr tight und auf den Punkt.

Useless (feat. James Gruntz)
James Gruntz heisst der erste Gast auf dem Tonträger und dieser ist in der Schweiz längst bekannt wie ein bunter Hund. Dadurch das die zwei ein wahnsinniges Gespür für Mainstreamklänge und grosse Melodien haben, funktioniert die Nummer ziemlich gut. Einziger Kritikpunkt ist, dass der Gast erst so spät einsteigt. Ein früherer Wechsel zwischen den beiden Schweizer Pop-Koryphäen hätte dem Ganzen eventuell eine stärkere Dynamik und Spannung verpasst.

Train to Norway
Der Zug fährt und ich fühle bei der Uptemponummer das Fernweh aufkommen. Die Chöre gegen Schluss sind sehr cool und witzig. Eine Nummer voller Popappeal und trotzdem frisch und catchy. Den werde ich sicher mal als Feriensoundtrack mit auf eine Reise nehmen.

Can I drive you Home
Dieses Lied erinnert sofort ans Verliebtsein. Mit der rosaroten Brille an ist alles irgendwie farbiger und schön. Nickless schafft das einzigartige, diese zauberhaften Momente in einem Song zu konservieren. Da würde glaube ich keine Frau nein sagen, wenn sie Nickless so höflich fragt.

Space
Am Schluss gibt’s noch eine rockige Popnummer auf den Weg, die sehr eingängig ist und auch vom Text her durch das Universum fliegt. Ganz zum Schluss noch einen solchen Hit hin zu packen, wo er eventuell nicht so viel Beachtung findet, braucht Mut. Den hätte ich jetzt eher unter den ersten drei Songs erwartet. Ein gelungener Abschluss der Platte.

Schlussfazit:
Nickless hat mit seinem zweiten Album einen Weg gefunden, sein starkes Debüt noch zu toppen. Trotz ständigem Touren fand er Zeit einige massive Radiohits aufzunehmen. Das Werk hat einen roten Faden und verliert sich nie in Belanglosigkeit, was bei vielen Pop-Werken heute leider der Fall ist. Man hört die vielen Proben seiner Band, denn das Zusammenspiel der Jungs lässt keine Wünsche offen. Beim Schreiben beweist er viel Mut für neues, funkiges und tanzbares, ohne seine Stärken (wie Pophymnen und Radiohits) zu vergessen. Es ist kein Popalbum, das sich auf einem einzigen Hit ausruht und Füllsongs beinhaltet. «Chapters» ist ein Werk, bei dem jeder Song ein gleichwertiger Single-Kandidat ist und lückenlos viel Hitmaterial geliefert wird. Der Junge kann was.