Von einem Shooting Star in Graubünden kann man eigentlich nicht mehr sprechen. Viel eher von einem Polit-Rockstar. Die bürgerliche NZZ bewunderte ihn in einem Porträt als eine der grössten Schweizer Polit-Hoffnungen. Der Blick sieht ihn schon als Nachfolger von SP-Präsident Christian Levrat und als zukünftigen Bundesrat. Auch seinen ersten grossen nationalen Auftritt auf der Showbühne meisterte der Bündner SP-Politiker Jon Pult mit Bravour: Viktor Giacobbo mutierte unter Pults Charme-Offensive zum Fanboy und die ansonsten so bissige Satirehow zum Streichelzoo.

Jedem Polit-Beobachter ist klar, dass der sechs Tage vor den Wahlen 31 Jahre alt werdende Pult ein geborener Politiker ist und sich die SP auf viele Jahre mit einem (zukünftigen) politischen Schwergewicht freuen darf.

2015 die Revanche an Gasser?

Pults Karriere liest sich wie ein Programm: Mit 18 tritt er in die Politik ein, mit 21 wird er Gemeinderat. 2007 Geschäftsleitungsmitglied der SP Graubünden, 2009 Präsident. 2010 wird er Grossrat, er schliesst sein Lizenziat an der Uni Zürich als Historiker ab, 2014 wird er Präsident der Alpeninitiative. Ein Schönheitsfleck sind die Nationalratswahlen 2011: Pult verpasst den Einzug ins Parlament um 528 Stimmen – Listenkollege Josias Gasser schnappt dem in Guarda geborenen SP-Mann den Platz vor der Nase weg.

Nun tritt Jon Pult erneut mit – und gegen – SP-Kollegin Silva Semadeni und GLP-Mann Josias Gasser an. Beide Parteien brauchen einander als Stimmenbringer. Gut möglich, dass sich diesmal die GLP für den Gefallen von vor vier Jahren revanchiert und der SP den zweiten Nationalratssitz verschafft.

Der wahre Kampf heisst Semadeni – Pult

Selbst wenn die Mitte oder die SVP den Gasser-Sitz holen sollte, ist der Nationalratstraum von Pult nicht ausgeträumt. Parteikollegin Semadeni nähert sich – wie Gasser – dem Pensionsalter und würde ihren Platz im Nationalrat wohl leichten Herzens dem hauseigenen Polittalent überlassen. Dass sowohl Gasser wie auch Semadeni in einem kürzlich erschienen Ranking wenig Aussenwirkung und null Einfluss im Parlament zugesagt werden, macht die beiden ratsältesten Bündner im Vergleich zum aufstrebenden Pult nicht attraktiver.

Klar ist nur, dass die SP sicher einen Sitz holen wird. Will Jon Pult auf Nummer sicher gehen, muss er seine Parteikollegin Silva Semadeni überholen. Die Nationalrätin zehrt von ihrer «Reserve», sprich: dem Bisherigen-Bonus und der Tatsache, dass sie 2011 immerhin 3321 Stimmen mehr holte als Pult.

Bündner Wirtschaft unter Druck gebracht

Nach der vierjährigen Ehrenrunde ist Pult auf jeden Fall bereit für den Marsch auf Bern. An vorderster Front bodigte er die Bündner Olympiaträume, und auch bei der Zweitwohnungsinitiative weibelte der gewiefte Taktiker mit markigen Worten auf der Siegerseite. Zwei Abstimmungen, die Graubünden allerdings auch emotional und finanziell getroffen haben. Auch das Engagement der Unia – bei der Pult Mitglied ist -, das Outlet in Landquart am Wochenende zwangsweise zu schliessen und damit 100 Stellen gegen den Willen der Arbeitenden zu riskieren, stiess in der Bündner Wirtschaft auf wenig Verständnis. Dass Pult gemäss Smartvote innerhalb der nächsten vier Jahre EU-Beitrittsverhandlungen aufnehmen will, macht ihn für viele Bürgerliche unwählbar.

Kein Wunder, grämen sich viele, dass Pults Leistungsbilanz bisher geprägt sei vom «Verhindern». Was sich auch in nächster Zukunft nicht ändern wird: Als Präsident der Alpeninitiative kämpft er 2016 gegen die zweite Röhre am Gotthard und hat auch da gute Karten, als Gewinner aus dem Urnengang hervorzugehen.

Natürlich kann man sagen, falsche Entwicklungen zu verhindern sei auch etwas Gutes, trotzdem würde dem Bündner SP-Parteipräsident ein wenig Gestaltungswillen gut zu Gesicht stehen. Die Parolen auf der Webseite von SP und Pult zeigen jedenfalls, dass auch die Linke, beispielsweise im Tourismus, keine wirklichen Lösungen weiss – und dies mit einem pauschalen «Für ein fortschrittliches Berggebiet» wegwischt.

Manchmal auch übers Ziel hinaus

Pults Stärken sind bekannt: Er ist ein begnadeter Rhetoriker, dazu hat er gemäss Ratskollege Rudolf Kunz eine «sagenhafte Stammtisch-Kompetenz» – was nicht dem Klischee des klassischen akademischen Berufspolitikers entspricht. Was Pult, der wenig bis keine Arbeitserfahrung aus dem «normalen» Berufsleben mitbringt, ist. Er politisiert klar links, holt aber immer wieder durch seine rhetorische Begabung Stimmen in der Mitte. Regelmässige Attacken unter der Gürtellinie in Richtung SVP kommen nicht nur bei der Linken an.

Auch inhaltlich zeigt er sich durchaus flexibel: In einem Interview schloss er kürzlich selbst in Olympia-Fragen nicht aus, seine kategorische Haltung zu ändern. Geschickt platziert er Tweets, wenn positiv über ihn berichtet wird, und er weiss zu allem und jedem Thema einen pointierten Kommentar. Von Parteikollegen wird ihm zwar ein Hang zur Besserwisserei nachgesagt. Aber Pult spielt das Spiel der Politik offensichtlich mit Wonne. 

Dass Pult 2018 die Nachfolge von Martin Jäger in der Regierung antreten wird, scheint unwahrscheinlich. Der Bündner SP-Parteipräsident wird Nationalrat, wenn nicht am 18. Oktober, dann spätestens, wenn Silva Semadeni das Handtuch wirft.

Womit wir bei der Ausgangsfrage wären: Gehört Jon Pult nach Bern? Ja, auf jeden Fall. Denn so verwurzelt wie Pult auch ist, er ist mehr Politiker für die SP als für Graubünden. Und darum gehts im Nationalrat. Ob es auch die beiden Bisherigen aus dem SP-GLP-Lager in Bern noch braucht – das ist eine andere Frage.

 

(Bild: facebook.com/jonpult)

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