«Wir verlieren über die Jahre zu viele Athleten»

An einer vom Bündner Skiverband organisierten Informationsveranstaltung in Maienfeld sprach Walter Reusser, der Alpin-Direktor von Swiss-Ski, kürzlich über die umfassende Nachwuchsförderung.

In seiner Einleitung brachte es Gaudenz Bavier auf den Punkt. «Mit Fadri Janutin vermochte sich im letzten Winter ein einziger Bündner für die Junioren-Weltmeisterschaften zu qualifizieren», so der Präsident des Bündner Skiverbandes (BSV). Zu einem Einsatz im norwegischen Narvik gelangte der Technik-Spezialist am Ende nicht: Die Titelkämpfe wurden wegen des sich rasant ausbreitenden Coronavirus nach den Speed-Rennen abgebrochen.

Der 20-jährige Fadri Janutin gehört dem C-Kader von Swiss-Ski an. 2017 und somit in seinem zweiten Jahr als Junior, war er einer von schweizweit 58 Skirennfahrern seines Jahrgangs, die über eine FIS-Lizenz verfügten. Diese Zahl stellte ungefähr ein Sechstel jener männlichen Skitalente dar, die fünf Jahre davor hauptsächlich regionale und teils interregionale Rennen absolviert hatten. Sukzessive nahm sie in der Folge ab, wobei es mit zunehmendem Alter eine Verlagerung gab und ab 2014 die Teilnahme an nationalen Rennen hinzukam.

In fünfköpfiger Trainingsgruppe

«Wir verlieren über die Jahre zu viele Athleten, welche ’nur‘ regionale Rennen fahren. Im letzten Jahrgang sind es noch ein paar einzelne», sagte Walter Reusser. Damit im Junioren-Alter auf ein breiteres Gefäss an willensstarken und talentierten Athleten zurückgegriffen werden könne, sollte deren Motivation mit zu verändernden Strukturen und Formaten hochgehalten werden. Eine FIS-Lizenz würden schliesslich insbesondere Athleten lösen, welche auf nationaler Stufe Rennen fahren.

Zu ihnen zählte Fadri Janutin. Zusammen mit vier weiteren Fahrern – unter ihnen Noel von Grünigen und Joel Lütolf, die am Donnerstag an den Schweizer Slalom-Meisterschaften auf der Diavolezza unmittelbar vor ihm klassiert waren und Gold sowie Silber gewannen – bildet er aktuell die Trainingsgruppe Europacup Slalom. Eine Stufe unter ihm, bei der Elite Nachwuchs, ist mit dem 22-jährigen Lukas Zippert ebenfalls nur ein Bündner in die Swiss-Ski-Strukturen integriert.

Zwei Fünftel der Clubs im Rennsport

Paradox an der Situation ist, dass der BSV am meisten Junioren mit einer FIS-Lizenz stellt. Exakt sind es deren 59, was 18 Prozent der Summe aller zwölf Regionalverbände entspricht. Innerhalb der Interregion Ost sind es gar mehr als die Hälfte. Potenzial wäre also zweifelsfrei vorhanden. Speziell auch, wenn man bedenkt, dass der BSV der hierzulande Mitgliederstärkste Regionalverband ist und sich rund zwei Fünftel der angeschlossenen knapp 80 Clubs im Rennsport engagiert. Von den schweizweit mehr als 700 Skiclubs sind es nicht einmal ein Drittel. 

All diese Zahlen im einzelnen, in erster Linie aber in der Kombination, lassen schlussfolgern, dass im BSV ein Umdenken in der Alpinsparte stattfinden muss. Dessen ist sich auch Gaudenz Bavier bewusst. «Was machen wir mit der BSV-Auswahl und den Junioren-Kader? Wir müssen uns vermehrt hinterfragen und das Beste für unsere Athletinnen und Athleten eruieren», sagte der Verbandsboss zu den rund 40 anwesenden Clubtrainern sowie Vertretern der Regionalen Leistungszentren und des Nationalen Leistungszentrum Ost.

Sicher ist gemäss Walter Reusser, «dass das Pyramiden-System durch die Spezialisierung nur noch bedingt funktioniert». Ski alpin solle in drei spezifische Kerndisziplinen aufgeteilt werden: Abfahrt, Riesenslalom und Slalom. Von der Basis, also der Club-Ebene aus, müssten die Trainingsgruppen darauf ausgerichtet und der Nachwuchs solange wie möglich regional betreut werden. Talente von unten würden zwar punktuell nach oben genommen, aber nicht mehr zu früh und zur Auffüllung von Gruppen.

Weltweit die Nummer 5 des Jahrgangs

Zum Schluss zurück zum fünffachen Schweizer Junioren-Meister Fadri Janutin. Knapp vier Jahre nach seinem ersten FIS-Rennen nimmt er auf dieser Stufe die 130. Position in der Slalom-Weltrangliste ein. In seinem Jahrgang ist der für den Skiclub Obersaxen fahrende Landquarter die Nummer 5. «Wenn man von absoluten Ausnahmetalenten absieht, dauert es sieben bis acht Jahre, bis aus einem Athleten aus dem C-Kader ein Podestfahrer im Weltcup wird», so Walter Reusser. Bei Fadri Janutin dürfte dies wohl spätestens im Olympia-Winter 2025/26 der Fall sein.

 

 

Geld für die Skiclubs wegen Covid-19

Am Informationsanlass des Bündner Skiverbandes (BSV) erläuterte Walter Reusser nicht nur das Nachwuchs-, sondern auch das Covid-19-Schutzkonzept von Swiss-Ski. Dieses berücksichtigt sämtliche elf Sportarten des Verbandes und alle Stufen (Nationalmannschaft bis Skiclub). Den Trainingsbetrieb ebenso wie Events, die unter der Schirmherrschaft von Swiss-Ski stehen, sowie FIS- und Europacup-Rennen. 

Stark von den Covid-19-Massnahmen betroffen sind auch die Skiclubs. An sie und die Regionalen Leistungszentren schütteten die Zuständigen im BSV bereits rund 90 Prozent jener Summe aus, die der Verband zu diesem Zweck vom Kanton erhielt. Auf die Durchführung von Rennen im JO- und Kinder-Bereich müssen sie im kommenden Winter – zumindest vorwiegend – wohl verzichten. Anders präsentiert sich die Situation im Junioren-Bereich. Der Grund: Sämtliche Athletinnen und Athleten mit einer FIS-Lizenz verfügen über den Profi-Status, und für sie gelten andere Regeln. 

 

(Text: Anita Fuchs/Bild Walter Reusser: Swiss Ski)