Die erste Zeit nach dem Lockdown war für mich herausfordernd: Zum einen, weil ich meine sozialen Kontakte überlegt koordinieren musste. Das Ansteckungsrisiko muss weiterhin tief gehalten werden. Zum anderen wegen des wiederauflebenden Aktivismus auf den Strassen. An nur einem Wochenende war ich an einer Black Lives Matter-Kundgebung in Zürich und am Frauenstreik in Chur. Und habe dabei so viele Menschen gesehen wie zusammengezählt die letzten vier Monate davor nicht mehr.
Für mich und viele meiner Freundinnen waren die Kundgebungen geprägt von kognitiver Dissonanz: Eigentlich sollten wir Menschenansammlungen meiden – aber die Themen sind so wichtig und anders werden wir nicht gehört!
Der Lockdown hat die vorherrschenden Machtstrukturen weiter verstärkt: Personen, die an den Schaltstellen von Politik und öffentlicher Kommunikation stehen, konnten ununterbrochen ihre Ansichten mitteilen und teilweise auch durchsetzen. Kaum noch gesehen und gehört wurden hingegen Menschen in unserem Land, die ohnehin schon nur mit grossem Aufwand gesellschaftliche Beachtung erhalten. Die Frauenstreik- und Black Lives Matter-Kundgebungen im Juni waren die ersten Gelegenheiten, um sich endlich wieder öffentlich positionieren zu können.
Meiner Privilegien bin ich mir schon länger bewusst. Schweizerpass. Helle Haut. Schulische, sportliche und musikalische Förderung von klein auf. Und dies sind wohl die entscheidenden Punkte, die ich mitbringe, um überhaupt von der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Ich kann mir – obwohl ich als Frau per se mehr kämpfen muss – Gehör verschaffen. Das ist ein Machtinstrument und ich versuche, mit diesem behutsam umzugehen. So ist mir beispielsweise wichtig, ununterbrochen im Dialog mit Menschen zu bleiben, die weniger Ressourcen aller Art haben, um sich mitzuteilen. Und ich versuche, durch meine Stimme anderen Menschen etwas Gehör zu verschaffen.
Es wäre an der Zeit, auch in Graubünden an den Machtstrukturen zu rütteln. Wir sind es leid, immer von den gleichen (mehrheitlich alten, weissen Männern) die Welt erklärt zu bekommen. Diesen Herbst haben wir die Möglichkeit, diese Strukturen etwas aufzubrechen: In Landquart, Davos und Chur tritt für die SP am 27. September eine Frauenmehrheit an. Es treten Personen mit Migrationshintergrund an. Es treten Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen an. Es treten Leute ohne definierte Geschlechtsidentität an. Es treten nicht-heterosexuelle Menschen an. Und wollen so die Macht ihrer Stimme verstärken.
(Bild: GRHeute Archiv)