Um ein Haar wäre der Alpensteinbock für immer aus seiner einstigen Heimat verschwunden. In mehreren spektakulären Aktionen gelang es Wilderern und Schmugglern Anfang des letzten Jahrhunderts, insgesamt 59 Steinböcke in die Schweiz zu bringen. Nach erfolgreicher Züchtung wurden auch im Schweizerischen Nationalpark am 20. Juni 1920 erste Steinböcke wiederangesiedelt. 

Das Wappentier der Bündner wäre vor 100 Jahren fast vom Menschen ausgerotten worden. Ohne den Einsatz von ein paar Naturfreunden und der Jagdleidenschaft der italienischen Könige würden heute kaum mehr Steinböcke in unseren Bergen leben.

1640 in Graubünden ausgerottet

Ab dem 16. Jahrhundert – mit dem Aufkommen der Feuerwaffe – drangen die Menschen immer weiter in die Natur vor und begaben sich auf die Jagd nach Steinböcken. Fast jeder Teil des Tieres wurde genutzt. Neben Blut, Knochenmark und Milz wurden die Hörner und die Bezoarkugeln sowie das sogenannte Herzkreuz verwendet. Dieser verhärtete Knorpel der Herzklappen sollte seinen Träger unverwundbar machen. Obwohl die Drei Bünde 1612 ein striktes Jagdverbot für den Steinbock verhängten, war dieser bereits um 1640 in Graubünden ausgerottet. 1809 wurde im Wallis der letzte Schweizer Steinbock erlegt.

Der italienische König eilte zur Hilfe

Im Gebiet des Gran Paradiso, zwischen dem Aostatal und dem Piemont, überlebten schliesslich die letzten Alpensteinböcke. Vittorio Emanuele II, der König von Italien, sorgte höchstpersönlich dafür, dass Schutzbestimmungen durch Wildhüter durchgesetzt wurden.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Bestrebungen, Steinböcke in weiteren Gebieten des Alpenraums wieder anzusiedeln. Da der italienische König keine Bereitschaft zeigte, der Schweiz Tiere für die Zucht zur Verfügung zu stellen, wurden Wilderer angeheuert, die ab 1906 unter Lebensgefahr Steinbockkitze aus dem Gran Paradiso in die Schweiz schmuggelten. Diese wurden im Tierpark Peter und Paul in St. Gallen aufgezogen und gezüchtet. Bald folgten erste Aussetzungen im Weisstannental und am Piz Ela, leider ohne Erfolg.

 

Eine Lieferung Steinböcke, bitte

Rund 100 Jahre später rückte der neu gegründete Schweizerische Nationalpark (SNP) in den Fokus. Am 19. Juni 1920 trafen sieben Kisten mit Steinböcken in Zernez ein.

Auf dem Ova Spin und Piz Terza wurden die jungen Steinböcke in die Freiheit entlassen. Die noch junge Kolonie erlebte bereits nach einem Jahr einen Rückschlag. Zwei Böcke und zwei Geissen zogen in Richtung Livigno: Die Böcke wurden gewildert, die Geissen siedelten sich in der Folge am Piz Albris an. Sie gaben den Anstoss für die Gründung der Kolonie Albris. In den Jahren 1923, 1924 und 1926 erfolgten weitere Aussetzungen. Diesmal transportierte man die Tiere allerdings in die Val Cluozza.

Geglücktes Comeback

Aufgrund dieser Initiativen konnten die Steinböcke in der Schweiz in der letzten Sekunde vom Aussterben gerettet werden. Heute leben im SNP rund 300 Steinböcke, alpenweit dürften es ca. 40‘000 Tiere sein. Sie alle stammen von der Restpopulation im Jagdgebiet der italienischen Könige am Gran Paradiso ab. Die genetische Vielfalt bei den heutigen Steinböcken ist dementsprechend gering. Wie sich dies in Zukunft auf die Population auswirken wird, ist noch nicht bekannt.

(Bilder: Archiv Schweizerischer Nationalpark)