Gemeinsam gegen den Wolf!

Angesichts der Zunahme des Wolfsdrucks in der Region Surselva haben sich die Regierungsräte Mario Cavigelli und Marcus Caduff mit betroffenen Landwirten sowie mit Vertretern des Bündner Bauernverbands, des Bündner Schafzuchtverbands und des Vereins Mutterkuh Schweiz zu einem Austausch getroffen. Anlass für den Austausch bildeten das räumlich konzentrierte, häufige Vorkommen von Rissen an Schafen und Ziegen in dieser Region sowie die Sorge um die Sicherheit für die Menschen wegen Verhaltensänderungen bei Rindviehherden in Gebieten mit Wolfspräsenz.

Von den Herausforderungen im Umgang mit den Grossraubtieren ist die Landwirtschaft in besonderem Mass betroffen. Die Regierung hat Verständnis für die Sorgen und Erwartungen, welche die Landwirtschaft daraus ableitet und an die Gesellschaft und die Politik heranträgt. Sie nimmt die Bedürfnisse und Forderungen sehr ernst.

Stärkeres Abwehrverhalten von Rindern bei Wolfspräsenz

Aufgrund der jüngsten Vorkommnisse in der Surselva, aber auch im ganzen Kanton, ist eine konfliktbringende Entwicklung des Verhaltens einzelner Wölfe und einzelner Rudel zu erkennen. Bedeutete die Wolfspräsenz bis vor Kurzem vor allem für die Kleinviehhalter eine zusätzliche Herausforderung (Wolfsrisse bei Schafen und Ziegen; Herdenschutz), so ergeben sich in jüngster Zeit zusätzlich Beobachtungen von Rindviehhalterinnen und Rindviehhaltern, wonach Rindviehherden wegen der Wolfspräsenz in deren Verhalten gestört würden und vereinzelt auch Ziel von Übergriffen werden könnten.

Bisher gab es im Kanton Graubünden selten Übergriffe von Wölfen auf Tiere der Rindergattung. Aufgrund der bisherigen und der von den Fachleuten erwarteten weiteren Entwicklung der Wolfspopulationen schliessen die am Austausch beteiligten Fachleute des Kantons und die Vertreter der Landwirtschaft weiterhin nicht aus, dass unter besonderen Umständen auch Tiere der Rindergattung, insbesondere Jungtiere, vom Wolf gerissen und genutzt werden könnten und sich die Situation in absehbarer Zeit im gesamten Kantonsgebiet verschärfen könnte.

Neben den negativen Folgen für die Landwirtinnen und Landwirte, wie sie beim Umgang zum Schutz und bei Rissen von Kleinvieh einschlägig bekannt sind, stellt das durch die Wolfspräsenz ausgelöste Abwehrverhalten von Rindern ein zusätzliches, neuartiges Problem dar. Das Verhalten von aufgescheuchten oder wegen der Nähe von Grossraubtieren beunruhigten Mutter- und Milchkühen ist bis anhin noch nicht vertieft thematisiert worden. Insbesondere fehlen Erkenntnisse darüber, inwiefern sich damit ein Potenzial zur Gefährdung von Personen, die mit den Tieren arbeiten, und von Menschen, die sich in die Nähe der Herden begeben, auftut.

Regelmässiger Austausch nötig

Aus diesen Gründen haben sich die für Grossraubtiere und Herdenschutz zuständigen Regierungsräte sowie Mitarbeitende des Plantahofs und des Amts für Jagd und Fischerei mit Rindviehhaltern aus der Surselva, dem Bündner Bauernverband sowie Vertretern des Bündner Schafzuchtverbands und des Vereins Mutterkuh Schweiz zu einem Gespräch getroffen. Dabei wurden die neue Situation besprochen sowie die Möglichkeiten zur Schadenabwehr und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit erörtert. Solche Treffen sollen künftig regelmässig abgehalten werden.

Engagement des Kantons in Bundesbern wird unterstützt

Die Möglichkeiten des Kantons, die Landwirtschaft bei ihren Herausforderungen und Sorgen zielgerichtet zu unterstützen, sind begrenzt. Die Regulierung der Wolfspopulationen ist bundesrechtlich klar geregelt und kann nur in diesem Rahmen erfolgen. Die Regierung hat sich auf Bundesebene in den letzten Jahren immer wieder für eine Anpassung dieser Regelungen eingesetzt und unterstützt die Teilrevision des eidgenössischen Jagdgesetzes, welche auf der Basis der Motion von Ständerat Stefan Engler die Haltung der Regierung aufnimmt. Die eidgenössische Volksabstimmung ist für den 27. September 2020 vorgesehen.

Abklärungen „Mutterkuh und Grossraubtiere“ beim Bund aufgegleist

Mit Regulierungsmassnahmen allein ist den Erwartungen von Landwirtschaft und Tier- und Naturschutz nicht gerecht zu werden. Es sind Herdenschutzmassnahmen zu ergreifen, wie das Zäunen und der Einsatz von Herdenschutzhunden. Herdenschutzhunde bieten einen gewissen Schutz bei Kleinvieh. Beim Rindvieh sind sie nicht nur wegen der schwierigen Integration in die Herde wenig wirkungsvoll, sondern weil es in erster Linie nicht um den Schutz der Nutztiere geht, sondern um das Verhindern der Wolfswitterung durch die Rindviehherde. Die daraus folgende Verhaltensveränderung einzelner Rinder oder der ganzen Herde stellt ein neues Gefährdungspotenzial für Menschen dar.

Für die Sicherheit des Personals auf Alpen sowie von Passanten und Wanderern sind die Checklisten und Empfehlungen der nationalen Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) umzusetzen. Angesichts der neuen Situation ist eine Aufarbeitung der bestehenden Grundlagen an die Hand zu nehmen. Die Regierung hat deshalb den Bund aufgefordert, das Potenzial zur Gefährdung von Menschen wegen des Abwehrverhaltens beim Rindvieh in Gebieten mit Wolfspräsenz zu analysieren und Massnahmen zu erarbeiten. Entsprechend wurde ein Projekt „Mutterkuh und Grossraubtiere“ aufgegleist. Die Projektgruppe besteht aus Vertreterinnen und Vertretern der BUL, des Plantahofs, des Amts für Jagd und Fischerei, der agridea, von Mutterkuh Schweiz, des Bündner Bauernverbands, des Verbands Schweizer Wanderwege, des Bundesamts für Landwirtschaft sowie des Bundesamts für Umwelt. Sie hat die Arbeit vor Kurzem aufgenommen. Die am Austausch beteiligten Vertreter der Landwirtschaft unterstreichen die Bedeutung dieses Engagements von Bund und Kanton.

(Bild: GRHeute Archiv)