Der Mittenberg grünt prall. In der Plessur tanzen die launischen Fischlein, halt solange sie keiner rauszieht. In der Stadt serviert eine mit Plastikvollkontaktschutzmaske lächelnd einen Kaffee. Die Tschugger, ihrerseits ohne Stöffchen im Gesicht, sind auch da, lächeln aber nicht. Im Stadtpark qualmt ein Ofen, übers Rheinwäldchen fegt der Blütenstaub, grad so, als sei es Qualm.

Ich muss weg. Mein Fernweh überkommt mich dieser Tage, wie einst die Wirtschaftswunderkinder, diese Tedeschi. Wenn es um Urlaub geht, werde ich zum Tier! Wanderwochen im Napf, Veloferien im valle du joux, Füessli bädelen in Romanshorn – ohne mich! Geht’s noch! Der innere Kompass kennt ab anfangs Juni nur noch eine Richtung: Süden. Was habe ich die letzten Wochen, nein – in den letzten Monaten!, Ängste ausgestanden. Alptraumdurchseuchte Nächte, in denen mir Ueli Maurer inbrünstig zuruft: «Machen Sie Ferien in der Schweiz, geniessen Sie (…) das Bier, das Wasser, alles was wir haben!» Weshalb er mich im Traumland siezt, weiss ich nicht. Ferien mit Ueli, nein danke! Die solidarische Aufbruchstimmung, ihm und seinen eidgenossenstolzen Kumpanen sei sie vergönnt. Ich dagegen träume vom Tunnel graben, unter den Grenzzäunen hindurch ins gelobte Land; robben über die grüne Grenze; kauern, stundenlang im Kofferraum-Zwischenboden einer systemrelevanten, italienischen Grenz-Fachfrau Gesundheit. Bis, ja bis unvermittelt die Keller-Suter in den Karren lugt, mit spitzer Nase und tiefe, bodenseebodenbraunen Augen. 02:34 Uhr, nass das Kissen.

Sole, Vino, Amore – lasst mich nicht im Stich! Dann, wie aus dem Nichts, die Errettung: Italien, mein anderes Daheim, hat mich nicht vergessen. Verkündet die Grenzöffnung, vorbei an den Mächtigen Europas,vorbei an Keller-Suter. Vor allen anderen. Ein Staat, schlagfertig und frech wie einst die Secondogoofen auf der Teppichstange an der Arellastrasse 11. Die etruskische Küste öffnet ihre Arme und heisst mich willkommen. Nein, nicht der Bundesrat rettet mich in meiner dunkelsten Sehnsuchtsstunde, es ist Italien selbst.

Die Aufregung durchdringt meinen ganzen Körper. Die Spannungsentladungen führen zu allerlei Symptomen, erst innen wühlend, dann nach draussen drängend. Ich habs mal wieder mit dem alten Goethe, derselbst schrieb, dass nur in Italien empfindbar ist «was eigentlich ein Mensch sei!» Nur froh, wer dergestalt erlebet, die Höh des Daseins, in der Fern.

Erwartungsfroh die nächsten Wochen absitzen. Denke an caffè, frittati, an die Salsiccia, deren samtweiches Fett über die Pasta in den Sugo fliesst, diesen berührend und doch distanziert im Einssein. An das herbe Duschmittel des französischen Nachbars, der nachts vors Zelt pinkelt. An billigen roten Wein aus silbermatten Tanks. Und den teuren aus denselben. An den Aargauer mit dem Hut zum Fremdschämen. Den Rosmarin im suino, und an des Bauern Händen Salz. An die winzigen braunen Saugbarben, die an den dicken weissen Füssen der deutschen Utta knabbern; ich wollt nicht tauschen.

Amici: Stellt die Pinien auf! Die Quasi-Italiani kommen, halten Abstand, einsfünfzig oder mehr, messt vom Mittelscheitel, von der Schulter, macht was ihr wollt. Wir lassen euch nicht im Stich! Was danach kommt, weiss niemand. Will niemand wissen. Sein – nur noch sein, von einem campari corretto zum nächsten. Vielleicht kommen wir, auf ganz eigene Weise, nie zurück.

PS: Denn «wir tun als ob das Leben, eine schöne Reise wär!» singt keck dazu die Valente. Grazie, Caterina!

(Bild: GRHeute Archiv)