Der Wecker klingelt. 06:30 Uhr. Ich hieve meinen seit Ostern velosattelgeplagten Popo aus dem Bettchen. Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, so ne Fahrradtour durch den Lenz wirke erquickend, ja unterbreche gar meinen seit Wochen andauernden Quarantänevöllereizustand angemessen? Die letzte Fahrradtour ist zwanzig Jahre her. Unerschrocken kurvte ich damals durch das Bergell via Comersee nach Lugano, Marocaine rauchend über die Pässe. Zu Ostern dann unheilig Party im Tessin, halbleer die Diskotheken, teuer das Bier. Meine Zip-Hosen und der Biomief verscheuchten noch die letzten Damen von der Tanzfläche. Bella, ciao! Anderntags müde über den Monte Ceneri nach Bellinzona, spontane Zugreise, Übernachtung im Biwacksack neben der Sporthalle Engelberg (wer kam auf die Idee?). Die Nervenschmerzen am Allerwertesten liessen mich auf der nächsten Etappe, als Gruppenzweiten, noch vor Stansstaad einbrechen. Jähes Ende und GA-Fahrt nach Hause. Nachts in Chur angekommen, das Velo stossend ins Welschdörfli, finaler Drink – besagtes Vehikel habe ich danach nie mehr gesehen.
Zurück zum Wecker. Der Ausnahmezustand will rhythmisiert werden, die Daheimschule fordert allerlei Vorbereitungsarbeiten. Als würden mich die Götter strafen wollen, darf ich im Elternduett Primarschüler in der heimischen Stube unterrichten. Nie im Leben käme ich auf die Idee, sowas freiwillig zu tun! Sechserreihe, Verbenkonjugation, Schreibübungen zu Jj und Orang-Utans im Forscherheft. Hallo! Dazu stundelang geduldiges Freundlichgesicht mit den eigenen Goofen, die Pädagogenrolle wahren, Versli üben und Osterhaasliedli in G-Dur singen. Herrschaftszeiten, ich hatte den Stimmbruch, vergesst G-Dur! Welch Frevel ich beging, der solch Qualen rechtfertigt? «Die Wohnstube ist die erste und wesentlichste Schule aller Erziehung, allen Unterrichts …», wusste schon Pestalozzi. Den grossen, im gesellschaftlichen Umbruch schreibenden Pädagogen in Ehren – den LP21 wollte der liebe Heinrich aber sicher nicht viralbedingt in der eigenen Stube.
Heerscharen von Eltern scannen seit Wochen QR-Codes zum Frühstück, als wären sie japanische Fliessbandarbeiterinnen. Quick Response zum Tagesauftakt! Die Krise ermöglicht, was in vielen Kantonen noch vor Wochen undenkbar schien. Die Schulzwanggegner müssen sich aktuell im siebten Freilernhimmel wähnen. Ich sehe das anders; beherzt die Gegenrede. Über Nacht wurden Mitte März Eltern zu Frontschweinen helvetischer Bildungsbemühungen. Das Virus diktiert die Massnahmen und treibt eine riesige Herde Domizilschulender vor sich her. Aus den Schulzimmern heraus, in sicherer Distanz, digitalisieren und sequenzieren Lehrpersonen (in der angewendeten Analogie:  Etappensäue) den Unterricht. Ausbaden dürfen es die Mamis und Papis, mit leimschleimigen Fingern virtuell Papierschnitzel auf dem Tablet ordnend. Zumindest solange das Breitbandnetz mitspielt.
Man bedenke: Über Nacht wurden nicht nur Schulen geschlossen, sondern die eigenössischen Bildungslandschaften auf einen Punkt, die familiale Privatheit, zusammengedampft. Das hat Folgen, gute wie schlechte. Studien werden zeigen – zurückhaltend bilanziert – dass uns zwanzig Prozent der Kinder und Jugendlichen auf dem Weg durch den Lockdown vom Karren gefallen sind. Wo waren sie? Was haben sie erlebt, was getan? Wie gehen wir in den Bildungslandschaften damit um? Was tun wir, um der verstärkten sozialen Ungleichheit entgegenzuwirken?
Wir benötigen Antworten auf diese Fragen. Wir müssen uns überlegen, wie wir den «Re-Start» der Schule gestalten. Und wie wir die Krisenerlebnisse aller als Wegmarken und Veränderungschancen in die Bildungseinrichtungen holen. Diese mutieren hoffentlich in den Wochen vor den grossen Ferien und längst danach zu Musse-Anstalten, die sich frei nach Hugo Gaudig (1917) in den Dienst der werdenden Persönlichkeiten stellen und die Beziehung zu diesen wieder aufnehmen.
Notstandsmanager und Krisenberaterinnen, öffnet baldmöglichst die Schultüren! Dann können die Frontschweinchen wieder Eltern sein und brauchen sich maximal als Etappensäue nur noch um die lästigen Hausaufgaben zu kümmern. Wenn überhaupt. Und verbannt die QR-Codes von den Arbeitsblättern!
PS: Song zum velobedingten Füdlischmerz: Spongebob, «Ich hab was am Po», Album: «DAS GELBE VOM SCHWAMM» (2019).