Videokonferenzen sind noch langweiliger als Sitzungen. Die angeordneten, leicht verzerrten Monologe in der Gruppe sollen die Kommunikation vereinfachen. Ohne fremdfinanzierte Gipfeli und so ganz ohne kollegial-verbales Dazwischengrätschen macht das aber keinen Spass. Immerhin kann ich meinen ausgeprägten Voyeurismus nun voll ausleben – bezahlt! Ich falte also die Hände unterm Bauch, horche und äuge.

Die Wände hinter meinem Capo (Peter) sind weiss und kühl wie dessen fröstelnde Seele. Die technisch inkompetente Kollegin (Heike) – nein, kein Genderdings, ein Fakt! –  erscheint später zum Meeting, das Programm funktioniert ausgerechnet bei ihr mal wieder nicht. Aber, aber auch. Hinter meiner Büronachbarin (Trudy) hängt allerlei Esoterisches, schamanischer Traumfängerplunder soweit das Auge reicht; dachte ich es mir doch. Ich mag sie sehr. Trotzdem. Collega sportivo (Justin, nicht Tschöstin) verschränkt während der Session lässig seine Arme hinterm Kopf. Mein Auge verharkt einen Moment in dessen langen, krausen Achselhaaren. Das vermutete Bondagewerkeug in seiner Schlafkammer, ich kanns einfach nicht finden. Zoom! Ich für meinen Teile trappiere mich seit Wochen adrett vor dem Büchergestell, musste zuvor allerdings die radikal marxistische Lektüre und die Mangapornoheftchen etwas zur Seite räumen – es bekäme den «Gästen» nicht gut.

WeltretterInnen jeglicher Couleur wittern dieser Tage Morgenluft. Vielleicht ändert sich die Welt schon bald. Zu ihrem Besseren. Wenn das alles vorbei ist. Sie schreiben, argumentieren, verhäddern sich in der eigenen Denke und fahren doch unentwegt fort. Berge von Textmüll im weltumspannenden Netz, da und dort Perlen. Vielleicht haben sie recht. Und vielleicht weiss niemand, was da kommen wird. Jetzt, mitten in der grossen Katastrophe.

Es war ein kluger Kopf, der Mitte der Achtzigerjahre den Nerv der Zeit traf – aus dem Bauch heraus! Der Soziologe mit dem schalkhaften Funkeln in den Augen (ja, sowas gabs mal!) hatte da so ein Gefühl im Bauch. Ernsthaft: Das Gefühl in der Plauze stand am Anfang von «Risikogesellschaft», dem Beckschen Meisterstück. Vielleicht trifft er, der nicht mehr ist, den Zeitgeist nach wie vor. Ist der kosmopolitische Imperativ Becks nicht klarer erkennbar, denn heute? Räumen die Risiken der Weltgesellschaft dieser Tage nicht Chancen ein, die zu erkennen, die zu nutzen es Kooperationen bedarf? Anders, optimistisch gedacht: Zeichnet sich am Horizont die Entstehung einer anderen gesellschaftlichen Gestalt ab? Wagen wir den Aufbruch im Aushalten der Ambivalenzen? Oder folgen wir den ausgetrampelten Pfaden der alten, jetzt definitiv überholten Denke, die uns an den Abgrund geführt hat?

Tatsache ist: Wir wissen es nicht. Gut möglich, dass die gegenwärtigen Ereignisse die Verwandlung der Welt massiv vorantreiben. Auf der gut Beckschen, optimistischen Suche nach Anschlussmöglichkeiten. Widerspruch? Erwünscht! Doch anfangen mit dem Neuen lässt sich immer, der Anfang, mit Arendt gesprochen, fängt immer wieder an, ist ein Ding von ununterbrochener Kontinuität. Was sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl? Anfangen?

Mein sich wölbender Vierzigerwanst fühlt nur lustvoll den Hunger, nichts Zeitgeistiges. Die nächste Onlinenkonferenz steht an. Ich werde zwischendurch technische Probleme vortäuschen und stattdessen den Kühlschrank überfallen. Oder mir des Kollegen Zimmer aus dem Off noch genauer anschauen: Irgendwo muss er doch den Seilschmerzschweinekram versteckt halten!

 

PS: Die forcierte Exspiration bei offener Glottis (Niesen) führt zum Ausströmen der Luft mit Geschwindigkeiten bis zu 280 m/s, also 1000km/h auf dem Tacho! Anders: Viralschleim überwindet korrekt eingehaltene soziale Distanz innert einer Hundertvierzigstel Sekunde in einem Narrentempo. Gäch, nicht?

(Bild: Pinterest)