Viele Wochen hat es sich abgezeichnet, seit diesem Wochenende ist es Gewissheit: Die erste grosse Coronavirus-Welle hat die Schweiz und auch Graubünden erfasst. Der Ernst der Lage ist bei vielen aber offenbar nicht angekommen. 

Ein wunderbarer Frühlingstag, volle Gartenrestaurants, Menschengruppen an öffentlichen Plätzen – irgendwie schien der Coronavirus am Sonntag bei breiten Bevölkerungsschichten nicht angekommen zu sein. Ein bisschen Verdrängung, ein bisschen Kleinreden, ganz nach dem Motto: ist alles halb so schlimm und was man nicht sieht, ist auch nicht wirklich da. Was dem Virus selbst natürlich völlig egal ist. Bezüglich der Infektionsrate pro Millionen Einwohner ist die Schweiz weltweit in der Spitzengruppe angekommen, obwohl diese Statistik im Grunde wenig aussagt. Schliesslich werden Untersuchungen oft nur bei Risikopatienten durchgeführt, ein internationaler Vergleich macht angesichts der komplett unterschiedlichen Test-Ansätze schlicht keinen Sinn. Trotzdem ist der Anstieg am Wochenende – Worldometer berichtet von 842 neuen Fällen in der Schweiz – beunruhigend. Der Virus scheint ausser Kontrolle. In Tat und Wahrheit dürften in der Schweiz Tausende Personen infiziert sein. Wirft man einen Blick auf die Kommunikation der Behörden in den letzten Wochen, fällt auf, dass die Verhaltensregeln immer strenger und in immer kürzeren Abständen kommuniziert wurden. Die Ansteckungsketten zu verfolgen hat man aufgegeben. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung stetig ermahnt, die Ruhe zu bewahren und Panik zu vermeiden. Was insgesamt ziemlich gut funktioniert, sieht man mal von den Hamsterkäufen in den (vollen) Einkaufszentren am Freitag und Samstag ab.

Gut gemeinte Massnahmen – chaotische Kommunikation

Die Behörden haben zwar den Lead in der Corona-Krise übernommen, einige Fragen müssen sich die Verantwortlichen gleichwohl gefallen lassen. Warum hat der Bund so lange gewartet, bis er die Führung übernahm, nachdem schon im Januar klar wurde, was in China und Italien vor sich ging? Warum hörte die Politik nicht auf die Fachleute aus der Virologie, die vor einer «Füüferli-und-Weggli»-Strategie – sprich: Wirtschaft und Gesundheit Hand in Hand – warnten? Und dafür täglich Zehntausende Reisende und Pendler aus Krisenregionen ins Land liess, offenbar, damit das jährliche Wachstumsziel keine Delle erhalten sollte? Und warum gingen am Sonntag immer noch Unmengen an Menschen «unter die Leute», wenn der Bund, die Kantone und die Städte doch so strikte Regelungen eingeführt hat? Kommt es vielleicht daher, weil sich die Regeln in den letzten Wochen laufend auf allen Ebenen verändert haben, dass zuletzt keiner mehr wirklich wusste, welche Veranstaltungen und Lokalitäten man noch besuchen konnte/durfte/sollte? Natürlich war und ist die Aufgabe der Behörden in dieser ausserordentlichen Lage schwierig. Und ja, es war nicht alles schlecht, zumindest viele Unternehmen konnten sich in den letzten Wochen auf die Krise vorbereiten. Dass die Schweiz zwischen Italien, Frankreich und Deutschland inmitten dreier Epizentren der Seuche eingeklemmt ist, hilft auch nicht weiter. Und doch wäre es wohl besser gewesen, schon im Februar auf die Spezialisten zu hören und den Laden dicht zu machen. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer – und vielleicht ist jetzt auch noch nicht die Zeit, auf Fehler und Versäumnisse hinzuweisen. 

Verhaltensregeln einhalten!

Nun also hat die Bündner Regierung den kompletten Lockdown angeordnet, um das Gesundheitssystem vom Kollaps zu bewahren und irgendwie Herr der Lage zu werden. Hoffen wir, dass die neusten Verschärfungen ernst genommen werden. Auch von Leuten, die selbst nicht zur Risikogruppe gehören und ihren liebgewordenen Alltag zuletzt mit allen möglichen Verdrängungsstrategien verteidigt haben. Das wäre gelebte Solidarität – und weit sinnvoller, als abends halligalli-mässig dem Zeitgeist hinterher zu hecheln und aus den Fenstern zu singen. Denn, um es noch einmal zu wiederholen, die Rechnung ist einfach: Je mehr Angesteckte, desto mehr Tote.

Also: Zu Hause bleiben, wenn möglich im Home Office arbeiten, die Verhaltensregeln einhalten, ein bisschen Netflix schauen und mit den Kindern «Eile mit Weile» spielen. 

 

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