Mitte Mai anfangs der Zweitausenderjahre. Das Kreuzfahrtschiff einer italienischen Reederei steuert das Marine Facade Terminal vor St. Petersburg an. Der Höhepunkt einer Aktionsreise für 788 hungrige deutsche PensionistInnen und drei auf dem falschen Dampfer gelandete Eidgenossen. Hektik an Bord. Der junge Getränkeober, seit Wochen ohne Landgang, freut sich auf das Nachtleben in der goldenen Stadt. «Weisst du, Junge, hier gibts den besten Schnaps, die schönsten Mädchen!», sagst und kippt mir den Nero d’Avola 1999 über die Hand. Wir legen an. Die Deutschen stürmen für einmal nicht das Buffet, sondern die geführten Landausflüge: «St. Petersburg Spezial mit Hard Rock Café & russischen Spezialitäten» ist der absolute Renner. Die Alten aus Wuppertal, Görlitz, Blaubeuren sind in Windeseile dem Schiffsbauch entwischt und werfen sich in das russische Abenteuer für Westmenschen.

Ich bleibe zurück. Weil ich erstens nach acht Tagen Zwangsgemeinschaft eine geführte Tour nicht aushalten würde. Weil ich zweitens kein Visum besitze (lange Geschichte!). Und weil drittens mein selbstsicherer Visumsbestechungsversuch am Hafen-Checkpoint von beeindruckend standhaften Föderationsbeamten mit wenig ausgeprägter Fähigkeit zum Perspektivenwechsel brüsk gemassregelt wurde. Die 50 Euro im Passbüchlein waren wohl doch zu dick aufgetragen. Konsequenz: zweieinhalb Tage Schiffsaufenthalt. Hafenzeit. Kein Kiosk, kein Kasino, keine Bar. Und kaum jemand an Bord. Mir bleibt nur das leere Sonnendeck und der Blick auf die Tristesse von Wassileostrowski, jenem blühenden Kunstkammerbezirk, dessen nahezu inexistente Skyline von den Schätzen im Inneren nichts, wahrlich nichts verrät. Die Sonne scheint blau, die Luft schmeckt grau. Keine hundert Meter entfernt schwappt das Brackwasser über ein rostrotes, ausgemustertes U-Boot der Paltus-Klasse. Nie war ich Russland so nahe. Und nie war es so weit entfernt.

Ueli Maurer aus Wetzikon (ZH) ist gerade auf bundespräsidialem Besuch in Russland. Er folgt der Einladung des etwas länger amtierenden Präsidenten da. An heiklen Themen mangelt es dem President da la Confederaziun zufolge ja nicht, Tacheles soll gesprochen werden, nicht nur «Friede, Freude, Eierkuchen», wie Maurer gleichsam führungsstark wie ausdrucksschwach vor Antritt der Reise unterstreicht. Die Tonalität des primus inter pares verrät zwischen den Zeilen, was nicht sein sollte. Ich frage mich: Was könnte der Mann aus dem Zürcher Oberland von seiner kleinen, steuerfinanzierten Dienstreise eigentlich nach Hause bringen, das uns allen von Nutzen ist?

 Vielleicht lohnt der Blick ins Bücherregal. 1961 veröffentliche Joseph Novak in «Uns gehört die Zukunft, Genossen» einen aufrichtigen, leidenschaftlichen Bericht über Menschen in Russland – unverstellte Einblicke in eine uns fremde Gesellschaft. Novak vermag aus erster Hand und in intimer Vertrautheit zu berichten. Berührende Alltagsfragmente. Aus einer anderen Welt in beobachtender Teilnahme. Wer schildert uns heute in dieser neugierigen, nicht verurteilenden Qualität? Wer interessiert sich für den grossen Nachbarn im Osten und pflegt die gute Nachbarschaft? Herr Maurer, Sie vielleicht? Friedlich, mit Freude, ohne Eierkuchen, dafür mit Pelemi, Okroschka oder Zharkoje?

Als ich die 303 Seiten gelesen habe, kehren die Deutschen zurück. Unüberhörbar. Sie berichten von St. Petersburgs Kirchen und dem Hard Rock Café. Olek, der Getränkeober, strahlt wie nie zuvor. Und riecht entsetzlich. Sie alle haben viel erlebt. Der russischen Seele aber, ihr sind sie nicht begegnet.

In diesem Land ist Scheiden echter Kummer», schrieb Novak einst. Recht hat er. Denke es und lege das Buch zur Seite. Der Kahn legt ab, bald schon klingeln die einarmigen Banditen, wird gedrängelt am Buffet. Bingoabend und Pizzaplausch. Kurs gen Tallin. Russlands Westküste versinkt im Dunkeln. Lebewohl, du grosses Land!

PS: Lied zum Text: Juri Wisbor, 1973, «Milaja moja» (Meine geliebte Waldsonne) 

 

(Symbolbild: Pixabay)

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