Sie bringen mich zur Weissglut, lassen – anthroposophisch gesprochen – Ahriman, Luzifer
oder gleich beide gleichzeitig  in mir  wirken, lassen mich schnalzen und schreien: Die
Reinschneider auf der A3 zwischen Lachen und Wädenswil, vornehmlich Männer mit aus den Dimensionen  geratenen  Autos. Autokennzeichen: SZ. Die  plane Schnellstrasse wird zur Bühne ihres überzogenen Egos, was mir im Kern jedoch egal ist. Zu oft sehe ich einen dieser fein gestriegelten Mannen im Rückspiegel in der Nase puhlen, als schürften sie nach Gold.
Ganze Fäuste verschwinden da hinter riesigen Nasenflügeln, gross wie SUV-Türen. Sie
bohren, klauben, schaben. Und spicken mit dem Mittelfinger das geborgene, mit Haarwurzeln versehene Gut vom Daumen über das colourlock-gepflegte Leder. Sie wissen nicht, dass sie dabei nicht alleine sind. Das eklige Getue stört mich keineswegs. Das ist beste Unterhaltung, gratis gestreamt auf den Rückspiegel meines Dacia. Nur dieses flegelhafte Reinschneiden, direkt vor meine rumänische Haube, führt regelmässig zu Selbstkontrollverlusten; sie können sich das nicht vorstellen! Was da wohl tief in mir vor sich her brodelt?
Mühe mit der Selbstkontrolle hatte kürzlich im eidgenössischen Farbfernsehen auch ein
Walliser Schriftsteller, der sich nicht mehr als rechts-bürgerlicher Politiker versteht, aber
gerne   rechts-bürgerlich   polemisiert.   Hauptsache   Aufmerksamkeit. In der Arena holt Freysinger zum Rundumschlag gegen die «Ehe für alle» aus. Und wenn das ganze liberale, versaute Schweizervolk wie eine wildgewordene Büffelherde in den Abgrund rennt – er, der Oskar, steht dagegen: vollbepackt mit pädagogischem Ethos, erstanden aus der eigenen Mannsgeburt und unablässig C.G. Jung rezitierend. Dass besagter Psychiater es selber mit der Ehe nicht immer allzu genau nahm und Homosexuelle als in «permanenter Besessenheit» Lebende beschrieb, kann dabei ja gerne unterschlagen werden. Immerhin hat er mit Kollege Freud darüber gesprochen. Vielleicht auch über seine Irrungen, was den Adolf anbelangte.
Reflexion   hilft   ja   manchmal.   Deshalb   mutig   vorgetreten,   seien   wir   doch   ehrlich   Herr Freysinger: Animus und Anima tanzen in und um uns, wie sie wollen! «Zu zwei und zwei, in notwendiger conjunctio», wie T.S. Eliot in einem Gedichtlein mal schrieb. Welche zwei oder vier da tanzen – eure fromme Seele ahnt – ist den Menschen in Helvetien 2019 freigestellt, die Menschen aber sind nicht gleichgestellt. Es   geht   um   die   politische   Forderung,  das Rechtsinstitut Ehe für alle, insbesondere für Gleichgeschlechtliche, zu öffnen. Mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Gleiche Rechte für die Bürgerinnen und Bürger im Lande! Basta. Da braucht es weder laute Schriftsteller noch   zugeknöpfte   Politikerinnen, die aus den Tiefen der Psychoanalyse hervorgeholte Ungewissheiten verkünden und den Büffeln nicht hinterher rennen wollen. Stattdessen tun sie
lieber verstaubte Ehebilder an die Wand malen. Oder gar den Teufel.
Das ist mindestens so reinschneiderisch, wie der Mann mit Nummernschild  SZ**** und dem Stinkefinger, den er mir mehrfach gezeigt hat. Nimmt mich nur Wunder, wer dessen Popel aus dem Auto saugt. Und statt SRF schaue ich inskünftig lieber Rückspiegel: Die Redeanteile der Reinschneider sind da gegen Null begrenzt.
PS: Wer statt der leisen Zeilen laute Verse mit Verve vorgetragen bevorzugt: Coirason mit
Zweispiel2 am Samstag, 16.11.2019 in der Churer Klibühni. Sie können auf Ihren Plätzen tun was Sie wollen. Aber bitte nicht popeln. Bitte nicht.
(Bild:Pixabay)