Kornplatz. Die Churer nennen ihn ‹Khoraplatz›. Zumindest die Alten. Wo früher im Schatten des Klosters gemarktet wurde, stehen heute Bäume im Topf. Und bizarr anmutende Sitzgelegenheiten. Die Verschönerungsmassnahmen sollen den Verbindungstrakt zwischen den Welten wohl urbaner, gar moderner wirken lassen – bleiben aber doch nur Massnahmen. Ein Dorf ist ein Dorf. Ihren genetischen Bauplan wird die alte Stadt niemals los. Dennoch geschieht hier allerlei. Ich setze mich auf eine dieser unbequemen Sitzmöbel, tue mit verschränkten Beinen aufgeschlossen und harre der Dinge.

Mein Auge harkt ein am Haus Nummer 6. Ein Churer-Betonkübel, ein Aschenbecher, Hundehaken an der Wand. Zwei Eingänge und rote Werbung; mal dezenter, mal weniger. Es ist früher Vormittag. Jugendliche essen Gipfeli, schlürfen Taurin und dampfen – wohlgemerkt alles gleichzeitig. Eine ältere Dame fummelt in der Ledertasche. Schattenmann huscht mit silberglänzendem Dosenbier durch die Szenerie, der Herr Stadtrat ohne. Eilig haben es beide. Business-School-Lernende verziehen sich in den Unterricht, schaffen Platz für städtische Mitarbeiterinnen auf der Suche nach Sonnenstrahlen. Einer stibitzt ein Velo aus dem Ständer, aber erst später an diesem Tag. Niemand wird es bemerken.

Der Vorplatz von Hausnummer 6 ist nicht nur altstädtischer Schauplatz alltäglicher Belanglosigkeiten. Die Ecke ist zugemüllt, schattig, verbrunzt. Vor mir der Miniaturmoloch der Alpenstadt. Chur ist auf lediglich fünf Quadratmetern weltstädtisch.

Hier steht, wie amüsant, die Pforte zu den Sozialen Diensten. Die Stadt versteckt ihr Wohlfahrtsamt hinter dem schäbigsten Hauseingang weit und breit. Das ist nicht schlimm, will aber nicht so recht zum neoliberalen Geist moderner Sozialpolitik passen. Es scheint so, als hätten die ‹Sparspergamenter› der Stadt just hier ihre Spuren hinterlassen. Soziale Arbeit darf nichts kosten. Zumindest soll es nicht danach aussehen. Und natürlich soll sie sich lohnen; sie hat sich dem Diktat von Wirtschaft und Politik zu unterwerfen – und verrät sich beim blinden Mittun immer grad selbst.

Der zusammengeschrumpfte Dienst hat grosse Bewegungen hinter sich. Vielleicht ist seine Mission an den eigenen Leuchttürmen vorbeigeschrammt, haben die Irrtümer in den eigenen Reihen den Widerstand verunmöglicht. Man munkelt an diesem Novembermorgen, es würde bald anders werden. Ein neuer Käpt’n? Wer weiss. Möglicherweise bringt der Frühling neuen Wind in den alten Dienst, besinnen sich die Stadtväter der Aufgaben Sozialer Arbeit – und erklären sie verständlich den Menschen. Bestenfalls verabschieden sich die beherzt engagierten Mitarbeitenden dieses Dienstes aus der Marktlogik und verweigern dem Gemeinderat im feinen Zwirn die Befriedigung des Effizienzfetischs. Da käme plötzlich Bewegung ins Backsteinhaus. Den Murigen in ihm stünden auf, liessen sich sicher nicht zu abgerichteten FliessbandarbeiterInnen eines standardisierten Sozialindustrieproduktes verdrehen. Fäustchen in die Höh!

Es drängt sich ein Gedanke auf: Könnte falsch verstandene Soziale Arbeit unsere Kultur mit in die Zeit zurückwerfen, als auf diesem Platz noch fromme Schwestern und sündige Brüder ihre Runden drehten und die Erkenntnisse der Aufklärung noch in weiter Ferne waren?

Das Mittagsgeschäft belebt den Kornplatz kurzzeitig. An der Kasse des Detailhändlers wird offensiv diskutiert, mutig politisiert, Trost und Zuversicht gespendet. Schattenmann spuckt an die Backsteinmauer, Stadtrat huscht vorbei. Der festgeleinte Köter muss mal. Es hängt für einen Augenschlag der Duft eines teuren Parfums in der Luft. Diese ach so urbane Seite Churs, sie hat einfach was.

PS: Dear Mr. Peter F. Drucker. You once wrote: «Many brilliant people believe that ideas move mountains. But bulldozers move mountains.» But that’s not quite true: sometimes nothing moves in the mountains. Best regards!

(Bild: GRHeute)