Der Tanz, so meint der schnellste Definitionssuchtreffer im Netz, sei eine mehr oder weniger geordnete Abfolge von Körperbewegungen, die nach einem durch Musik oder eine andere akustische Äusserung wie Schlagen oder Stampfen (!) hervorgebrachten Rhythmus ausgeführt werde. Wie schön, dass sich die Hüfte auch intuitiv, ohne Kenntnis dieser Zeilen schwingen lässt! Tanzen ist Kunstform, Erotik, Begegnung, Sport und soziale Interaktion zugleich. Ja, selbst lautlose Protesttänze gibt es schon. Der Tanz wird politisch. Das inspiriert mich beim Blick ins Bücherregal.

Da steht seit Monaten ein Buch, das ich in einem dieser verstaubten Krämerläden gefunden habe. Für wenig Geld irgendwo an der Luzerner Baselstrasse, dem gleichsam inspirierenden wie abstossenden Moloch neben der leuchtenstädtisch-glitzernden Touristenwelt. Die 418 Seiten des Farhad Afshar dünken mich schier unüberwindbar, ich werde sie wohl nie ganz lesen.

Das Quellenverzeichnis präsentiert sich wie ein Gipfeltreffen der intellektuellen Überflieger vergangener Tage: von Adorno bis Weber, von Marcuse bis Sartre. Elias, Faucault, Habermas – alle da. Schön. Das Problem? Über die Einleitung hinaus zu kommen, habe ich bis jetzt nicht geschafft. Und davon kaum die Hälfte verstanden. Weshalb tut sich die Zunft der Gescheiten mit verständlichem Schreiben so eindrücklich schwer?

Wenn auch die Vermittlung der analytischen Denkweise nicht wirklich gelingen will, ist die parabelhafte Erzählweise des Buches umso besser. Das ist wie bei «Globi im Reich der Tiere», den man auch ohne lesen zu können, prima versteht. Da wären also ein Frosch und ein Drache. Basta. Der Frosch, nicht gerade ein Ausbund von Schönheit, unschlüssig in seiner Art, symbolisiert den Menschen. Der Drache, von dem niemand weiss, woher er eigentlich kommt, steht für die Macht.

In den Tagen, in denen wir Frösche die Wahlzettel auszufüllen haben, sind wir gefordert, unser kleines Paradies, den Tümpel in dem wir alle hocken, etwas genauer zu betrachten. Die Auseinandersetzung mit dem Drachen im helvetischen Ländchen gelingt uns aber dummerweise nur aus der Perspektive des Frosches, quasi dem geduckten Füdlibürger, der nur knapp über den Rand des eigenen Teichs hinaussieht, zu den Mächtigen empor äugt. Und arm an Perspektiven entscheiden muss, welche Mitfrösche er zum Drachentanz schicken möchte.

Nun, das mit der Macht ist halt so eine Sache. Afshars Metapher lehrt, dass Macht das ist, was von oben kommt. Interessanterweise sind da oben aber immer die anderen. Dieses oben und unten ist mir zu fatalistisch. Zu ungenau. Der allmächtig erzürnte Drache gar zu simpel gedacht. Im Zwischenspiel von Drache und Fröschen aber sind die reizvollen Facetten von Macht und Ohnmacht, Individuum und Kollektiv, Mythos und Unterwerfung zu entdecken. Wie wärs, wenn die Frösche aus ihren Tümpeln hüpfen und beginnen würden, behände mit dem Drachen zu tanzen? Ein erster Schritt wäre schon mal, den Wahlzettel auszufüllen und einzuwerfen.

Wurst wen Sie wählen – geschätzte Füdlibürgerin, geschätzer Füdlibürger – , wählen Sie. Tanzen Sie mit. Vielleicht sogar mit bedachtem Blick auf die gerechte Verteilung von Geld, Macht und Ansehen. In Anlehnung an den verdienten Schweizer Soziologieprofessor Ueli Mäder könnte man sagen, dass die soziale Schweiz immer wieder neu erkämpft werden muss. Und dass sozialer Sinn auch darin bestehen kann, etwas «Abstand von einer Macht zu halten, die sich selbst mit viel Geld insziniert». Klug gedacht, Herr Mäder! Wir haben die Wahl.

Des Krämers Tanz im Laden an der Baselstrasse dauert, so meine ich, schon länger an und kennt Schrittfolgen, die auszudenken ich nicht in der Lage bin. Das Nichtkonforme kann man hier riechen. Ich gehe dennoch öfter da hin. Perlensuche. Und ein bisschen Teilhabe an der Anderswelt. Tanzen lässt es sich ja bekanntlich in jede Richtung.

PS: Wer entwirft eigentlich diese Abstimmungscouverts und weshalb reisst meins beim Öffnen immer ein? 

(Bild: GRHeute)